Über die Dörfer
Was für ein schöner Anblick, wenn man mit dem Auto über die Dörfer des Odenwalds fährt. Die alten Gehöfte links und rechts, teils Fachwerkhäuser, teils mit alten Holzschindeln verkleidet. Dahinter die Wiesen, ein herrliches saftiges grün, bunte Blumen darauf, und dann, wenn man die Berge hinaufschaut, die großen Wälder. Und hier und da hält einer einen Schwatz mit dem Nachbarn überm Gartenzaun. Wie schön, wie ruhig, wie gemütlich muss das Leben hier sein!
Viele Städter haben eine nostalgische Phantasie vom Leben auf dem Land. Die Wirklichkeit ist sieht längst nicht so romantisch aus. Das kleine Dorf ist schon lange Teil einer Großgemeinde. Die alte Dorfschule wurde längst geschlossen, der Postschalter wurde aufgegeben, der Dorfladen musste schließen, weil er unrentabel wurde, die Gastwirtschaft hat zugemacht, weil sie sich nicht mehr lohnte. Für jeden Einkauf, sogar für Lebensmittel, muss man mit dem Auto fahren, der nächste Facharzt ist weit weg, der Bus fährt nur noch viermal am Tag … Seien wir ehrlich: Wenn in unserer Welt nur Wirtschaftlichkeit und Effektivität zählt, ist das Dorf dann nicht zum Aussterben verurteilt? Gerade, wenn es nicht in der Nähe einer Metropole liegt – welche Chance hat dann das Dorf?
Woran liegt es, dass dennoch so viele Menschen gerne auf dem Dorf wohnen – und nicht nur die Alten, sonder auch Jugendliche und junge Familien mit Kindern? Vermutlich spielt die wunderbare Odenwald-Landschaft eine Rolle - das Grün der Wiesen und die Schönheit der Wälder gerade jetzt im Monat Mai. Vermutlich schätzen viele auch die menschliche Nähe im Dorf. Hier lebt man nicht so anonym nebeneinander her. Jeder kennt jeden und einer hilft einer dem andern. Geschätzt wird auch das kulturelle Leben im Dorf: das Vereinsleben, das Dorftheater vielleicht, die dörflichen Feste und nicht zuletzt: die Gottesdienste. Ja, im Dorf, da spielt die Musik, da ist was los.
Gerade diese Nähe zueinander hat auch ihre Schattenseiten. Oftmals wird sie als soziale Kontrolle empfunden. Sie kann beengend sein. Wenn aber christliche Werte, wie Aufrichtigkeit, Mitmenschlichkeit, Toleranz und Friedfertigkeit etwas gelten, dann wird die Nähe der Menschen tröstlich, befreiend, heilsam und lebensfördernd sein.
Aufrichtigkeit meint: Wir sind freie Menschen, lassen uns nicht unterkriegen, wir sind geradlinig, wir tratschen nicht hintenherum. Mitmenschlichkeit meint: Wenn einer in Not ist, dann helfen wir. Wir achten aufeinander, wir haben Mitgefühl, wir achten und respektieren einander. Toleranz meint: Wir dulden es, dass andere anders denken, anders glauben, anders fühlen und anders handeln, als wir selbst. In diesem Sinne lassen wir auch Fremde unter uns wohnen. Friedfertigkeit meint: Wir suchen nach friedlichen Lösungen für Konflikte, wir sind zur Versöhnung bereit und wir tragen nichts nach.
Dass wir nach diesen Werten leben, ist nicht nur eine Frage unseres guten Willens, sondern vielmehr eine Frage des Glaubens. „Gott ist´s, der in euch beides wirkt, das Wollen und das Vollbringen“ sagt der Apostel Paulus (Philipper 2, 13) Es ist Gnade, wenn das Zusammenleben im Dorf gelingt. Bitten wir also Gott darum.
Seit vielen Jahrhunderten haben die Menschen auf dem Dorf das Zusammenleben eingeübt. Mein Heimatdorf Schönmattenwag feiert in diesem Jahr zusammen mit anderen Dörfern sein 1000-jähriges Bestehen. Mehr als heute, waren die Menschen früherer Jahre aufeinander angewiesen, haben ihre Erfahrungen miteinander gemacht und ihre Lebensweisheit daraus gewonnen. Wie kostbar ist es, wenn wir heute aus der Vergangenheit lernen können.
Gott erhalte unsere Dörfer! Gott schenke die Gnade, dass wir in Frieden zusammenleben können! Gott erhalte den christlichen Glauben in unseren Dörfern!
Ulrich Halbleib,
Pfarrer in Ober-Schönmattenwag (Ev-ref. Gemeinde Wald-Michelbach)