15.03.2007 Drei Versuche, „Gott-los“ zu werden - Vortragsreihe über Atheismus und Christentum in Viernheim

Gibt es Atheismus im Christentum? Schließen sich beide Haltungen gegenseitig aus, oder kann man sogar sagen: „Nur ein Atheist kann ein guter Christ sein, nur ein Christ kann ein guter Atheist sein?“ Dieser Herausforderung stellte sich ein Vortragsabend, zu dem die Evangelische Auferstehungsgemeinde in Viernheim Pfarrer Dr. Hansjürgen Günther begrüßen durfte. Der Referent ist als Gemeindepfarrer in Seeheim tätig und im Dekanat Bergstraße zuständig für den Fachbereich Mission und Ökumene.
Der zweite Teil seiner Reihe über „Versuche, Gott – los zu werden“ war dem Werk Ernst Blochs und einer Stellungnahme aus christlicher Sicht gewidmet. Der neomarxistische Philosoph (1885 – 1977), gebürtiger Ludwigshafener, wirkte nach dem Krieg in beiden Teilen Deutschlands, zunächst in Leipzig und nach dem Mauerbau an der Universität Tübingen. Seit seiner frühen Beschäftigung mit Thomas Müntzer, dem Repräsentanten des so genannten linken Flügels der Reformation, war Blochs Interesse an der Bibel gewachsen. Mit Blick auf das sozialkritische Potenzial des Alten und Neuen Testamentes plädierte er für eine Allianz zwischen Revolution und Christentum. Beide geistigen Kräfte sollten den Kampf für Menschenwürde und Gerechtigkeit als gemeinsames Ziel verfolgen. „Der Herrengott ist unvereinbar mit dem herrschaftsfreien Menschen, wie ihn Jesus verkörpert. Jesus ist daher Atheist.“

Dr. Günther setzte sich insbesondere mit dem Buch „Atheismus im Christentum“ (1968) auseinander. Seine Kritik galt der Art Ernst Blochs, biblische Texte zu lesen. Er wies auf Verkürzungen und Auslassungen hin, die zu einer einseitigen Bibelauslegung führten. Ebenso stellte er eine Verharmlosung des Bösen fest. Schließlich bemängelte er Blochs durchgängige Darstellung des Gottes der Bibel als eines „himmlischen Herrschers von oben“. Dem wurde die Auffassung entgegengesetzt, dass im Verlauf der Heilsgeschichte „Gott dienend nach unten hin wirkt“, was in seiner Menschwerdung in Jesus Christus gipfelt.

Von Seiten der Zuhörerschaft aus evangelischen und katholischen Gemeinden Viernheims, aus Mannheim und dem hessischen Ried wurde die Frage aufgeworfen, wieweit Religionskritik nicht eine ureigenste Aufgabe der christlichen Theologie selbst sei. Es gelte aufmerksam zu sein, wenn kirchliches Handeln von politischen Zwecken vereinnahmt werde. Andererseits wurde die „Option für die Armen und Schwachen“ in der Nachfolge Jesu eine berechtigte Parteinahme von Christinnen und Christen genannt. Auch auf aktuelle Formulierungen eines durchdachten Atheismus wurde hingewiesen, der aus ökologischer Sicht die biblische Schöpfungslehre als gescheitert ansehe.

Die Veranstaltungsreihe, die mit einer Auseinandersetzung mit dem Kirchen- und Religionskritiker Friedrich Nietzsche begonnen hatte, schloss mit einer psychologischen Annäherung an die biblische Sündenfall-Geschichte.