22.12.08 Harte Kontraste - Eine Weihnachtsbesinnung von Kirchenpräsident Dr. Peter Steinacker

Hart sind die Kontraste am Weihnachtsfest 2008. Da ist zum einen die Sehnsucht nach ein paar behaglichen Tagen im Kreis der Familie und mit Freunden. Während es draußen dunkel und kalt ist, leuchten drinnen warm die Kerzen. Diese Sehnsucht findet ihr Spiegelbild in den Weihnachtskrippen, die in vielen Wohnzimmern stehen. Sie stellen die biblische Weihnachtsgeschichte dar, die Geburt von Jesus Christus im Stall von Bethlehem. Da liegt das neu geborene Jesuskind wohlig eingewickelt in einer Krippe, bewacht und umsorgt von Maria und Josef. Eine süße Idylle, so kommt es vielen vor. Doch zum Weihnachtsfest 2008 tritt der Kontrast, der darin steckt, wieder stärker zutage.

Viele Menschen verlieren in diesen Tagen ihren Arbeitsplatz. Noch viel mehr müssen um ihn fürchten. Und auch die, die bislang vom süßen Geld nicht genug bekommen konnten, werden bescheidener. Angesichts der Wirtschaftskrise spüren wir plötzlich, wie schnell Sicherheit und Wohlstand verfliegen können. Und die Frage wird drängender, was unser Leben wirklich trägt.
Das öffnet auch den Blick dafür, wie es im romantischen Stall von Bethlehem wirklich war. Er war eine schmutzige Notunterkunft für ein junges Paar, das sein erstes Kind erwartete – mit all der Aufregung und der Sorge, die damit verbunden sind. Maria und Josef waren nicht freiwillig unterwegs. Die Bibel erzählt, dass die römische Staatsmacht sie wegen einer Volkszählung zu der Reise gezwungen hat. So bekommen die beiden zu spüren, wie das große Getriebe von Wirtschaft und Weltpolitik in das Leben der kleinen Leute eingreift. Doch zugleich erfahren sie, wer der eigentliche Herr der Welt ist. Gott benutzt den Kaiser Augustus, um die Familie nach Bethlehem zu bringen, denn von dort soll nach alter Tradition der Messias Israels kommen. Alle Welt hält den römischen Kaiser für den mächtigsten Herrscher der Welt, doch der wirkliche Herr wirkt im Verborgenen. So verbinden sich im Stall von Bethlehem Gottes- und Menschenmacht, die Sehnsucht nach Geborgenheit und die raue Wirklichkeit.

Genau diesen Moment und diese Menschen wählt Gott aus, um in seinem Sohn Jesus Christus sich selbst dem rauen Wind der Welt auszusetzen. Vom ersten Moment an spürt Jesus die Freuden und das Leid, die Sorgen und die Liebe, die Gefahren und zuletzt den Tod. Vom ersten Tag an gibt er dieser Wirklichkeit etwas neues hinzu. Für ihn sind Menschen eben nicht nur Spielbälle der großen Mächte, sondern jeder einzelne wird von Gott geliebt und kann ein Botschafter seiner Liebe sein. Das ist eine andere Sicht des Lebens. Schon an der Krippe wird sie zu einer vorläufigen Realität. Hirten kommen von den Feldern herbei. Drei edle weise Herren reisen aus einem fernen Land an. In der Bibel erreichen sie nicht gleichzeitig den Stall. Doch in unseren Wohnstuben finden sie zusammen. So stehen da auf Augenhöhe einfache Hirten und hochgebildete Herren. Gemeinsam ahnen sie, dass die Menschheit in diesem Kind zu dem einen Volk Gottes zusammenwächst. Ausgerechnet im Hilflosesten aller Lebewesen, einem neugeborenen Menschenkind, erscheint verborgen Gottes Herrlichkeit, die die düsteren Wirtschaftsprognosen unserer Tage überstrahlt und die der Prophet Jesaja so angekündigt hat:
„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht. Und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“(Jesaja 9, 1)

Eine Besinnung von Dr. Peter Steinacker, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN)