08.12.08  Der dienstälteste Pfarrer im Ev. Dekanat geht in den Ruhestand

Es muss schon Gravierendes passieren, bevor Gerhard Hechler seine Autowerkstatt, seinen Arzt oder seine Versicherungen wechselt. Dauerhaftigkeit, Treue und Beharrlichkeit zeichnen den Pfarrer aus. So hat er es auch mit seinen Pfarrstellen gehalten. Nach 20 Jahren als Schulpfarrer im Schuldorf Bergstraße und neun Jahren als Gemeindepfarrer in Jugenheim geht er in den Ruhestand. Am kommenden Sonntag wird der dienstälteste Pfarrer im Evangelischen Dekanat Bergstraße von Pröpstin Karin Held verabschiedet.

Für sein Verständnis vom Pfarrberuf verwendet Gerhard Hechler das Bild der Spinne, die unaufhörlich ihr Netz knüpft. „Menschen ansprechen, für das Ehrenamt gewinnen, ein Netzwerk schaffen und dabei den Überblick behalten“. Das macht er nicht nur in der Kirche, sondern auch auf der Straße oder beim Einkaufen: „Ich erzähle von meinen Projekten oder von Veranstaltungen und versuche Menschen dafür zu begeistern. Ich habe ein Talent, die Leute anzusprechen“, sagt der Pfarrer selbstbewusst. Er sei immer ein „Agent der Kirche“ gewesen - ob als Lehrer, der den Religionsunterricht als „Lebenshilfe“ verstand, oder als Gemeindepfarrer, der stets ansprechbar ist und für eine offene, einladende Kirche wirbt. Wenn er freie Zeit für sich haben wollte, so sagt Gerhard Hechler, „dann musste ich hier abhauen“.

Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung bilden nach Angaben von Gerhard Hechler die Grundpfeiler seiner Tätigkeit. „Ich leide unter Ungerechtigkeit, egal gegen wen“, sagt der Pfarrer. Er setzt sich für Ökologie ein. Eine Zeit lang arbeitete er bei Bündnis 90/Die Grünen mit. Sein Friedensengagement hat auch und gerade mit den leidvollen Erfahrungen in seiner Familie zu tun. „Die Tatsache, dass meine beiden Großväter, mein Vater und Schwiegervater und fast alle Onkel in den Weltkriegen gefallen sind, hat mich ungeheuer geprägt.“

Gerhard Hechler hat stets auf Öffentlichkeitsarbeit Wert gelegt. Da blieb es nicht aus, dass er aneckte, wenn er sich mit Vehemenz für seine Projekte ins Zeug legte – etwa für das „alte Forstamt“, in das Angang November die erste Demenz-WG im Evangelischen Dekanat Bergstraße eingezogen ist. Wenn es darauf ankam, ging Gerhard Hechler keinem Streit aus dem Weg – auch nicht mit seiner Kirche, über die er aber sagt: „Auf die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau bin ich stolz. Diese Kirche habe ich mit gebaut“.

Gerhard Hechler kann nicht nur auf die Pauke hauen, er spielt auch Querflöte, Gitarre und Posaune. Seit 20 Jahren musiziert er in einer Big Band. Keine Profis, sondern, wie Gerhard Hechler mit einer gehörigen Portion Ironie meint, Dilettanten. „Der Dilettant ist einer, der versucht es gut zu machen“.

Als „gelernter Hesse“ ist ihm der Dialekt wichtig. Das zeigen auch seine Predigten in hessischer Mundart. „Dialektpredigten, Büttenreden, Instrumente spielen und Literatur sind immer in den Beruf eingeflossen. Für Hobbys hatte ich nie Zeit.“ Wie viel Zeit er als Pfarrer im Ruhestand haben wird, ist noch nicht ausgemacht. Denn er bleibt in Jugenheim wohnen und Gerhard Hechler wäre nicht Gerhard Hechler, wenn er sich dort nicht weiter engagieren würde - für die Diakoniestation „Nördliche Bergstraße“ und natürlich für das „alte Forstamt.“ Bei seiner Verabschiedung am dritten Advent wünscht sich Pfarrer Hechler keine Geschenke, sondern Spenden für eine sommer- und winterfeste Parkbank im Forstamtsgarten. Dort, so betont er, wolle er mit den Bewohnern der Demenz-WG sitzen und in die Sonne gucken.

Foto: Gerhard Hechler vor dem "alten Forstamt" auf einer Bank - eine neue muss her!
Text und Foto: bet