25..11.08 "Einfach da sein und zuhören können"

Beim gemeinsamen Empfang der beiden Evangelischen Dekanate Bergstraße und Ried zum neuen Kirchenjahr am kommenden Samstag, (29. Nov.) wird Erika Ritter aus Wald-Michelbach mit der Starkenburgmedaille ausgezeichnet. Die Dekanatstiftung würdigt damit ihre Pionierarbeit beim Aufbau des Hospizdienstes.

Als Erika Ritter 1992 mit der Hospiz-Arbeit begann, betrat sie Neuland. Der Gedanke, dass Menschen an ihrem Lebensende soziale und spirituelle Begleitung benötigen, war noch nicht sehr verbreitet. Dass viele Menschen einsam und verlassen sterben, wurde hingenommen und nicht weiter hinterfragt. In acht Pflegeheimen im Überwald richtete sie mit Ehrenamtlichen regelmäßige Besuchsdienste ein. Sie begleitete Menschen in ihrer letzten Phase bei Bedarf täglich – mitunter auch nachts. „Die Nähe zu Menschen, die schwach sind, die keine Lobby haben, die sich zum Teil nicht artikulieren können, habe ich durch meinen Sohn entwickelt“, betont Erika Ritter. Einer ihrer Söhne war behindert. Er starb vor zwei Jahren. Seitdem ist die heute 70jährige aus der aktiven Hospiz-Arbeit ausgeschieden.

Nach dem Modell „Verlass mich nicht, wenn ich schwach werde“ der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) bildete Erika Ritter gemeinsam mit den Pfarrerinnen Veronika Surau-Ott und Edith Unrath-Dörsam ab 1993 selbst Hospizhelferinnen aus. Sie arbeiten ehrenamtlich drei bis vier Stunden pro Woche. Darin eingeschlossen ist die so genannte kollegiale Supervision. Das ist ein monatliches Treffen der Hospizhelferinnen, bei dem Erfahrungen ausgetauscht und Konflikte besprochen werden. Was ist das wichtigste an der Hospiz-Arbeit? „Einfach da sein und zuhören können. Das ist das Allerwichtigste“, sagt Erika Ritter ohne Zögern. „Sich auf den Menschen einlassen, nach seinen Gefühlen fragen und notfalls auch der Entscheidungsfrage nicht auszuweichen“. Die Entscheidungsfrage lautet: Muss sich sterben?

Fast alle Menschen in ihrer letzten Lebensphase nehmen die Besuche der Hospiz-Helferinnen dankbar an. „Was, Sie nehmen sich Zeit, zu mir zu kommen?“ ist ein Satz, den Erika Ritter oft gehört hat. Wenn Menschen nicht mehr sprechen können, habe sie ihnen die Hand gehalten oder ihnen etwas vorgesungen – etwa Paul Gerhards „Befiehl du deine Wege“. Für Erika Ritter ist die Begleitung sterbender Menschen Christenpflicht. Sie zitiert dafür aus dem Jakobus-Brief: „Wer von euch krank ist, soll die Ältesten der Gemeinde rufen, damit sie für ihn beten“. Das ist auch der Grund, warum Erika Ritter keinen Verein für die Hospiz-Arbeit gründen wollte. „Es ist die ureigene Aufgabe der Mitglieder einer Kirchengemeinde“, sagt die frühere Sonderschullehrerin. Diese Arbeit dürfe man nicht delegieren, sie müsse in der Gemeinde verankert bleiben. Die Kirche, so meint sie, tue gut daran, die Hospiz-Arbeit weiter auszubauen. Erika Ritter hatte mit dazu beigetragen, dass die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) die Trägerschaft von Hospiz-Diensten übernommen hat.

Es gab Situationen in der Sterbebegleitung, die habe sie sehr belastet, räumt Erika Ritter ein. Etwa als eine Hospiz-Helferin, die sie selbst ausgebildet hatte, Mitte 30 an Krebs starb. Doch insgesamt sei Hospiz-Arbeit eine persönliche Bereicherung. „Ich bekomme viel mehr zurück, als ich gebe“ sagt Erika Ritter. Diese Erfahrung haben nach ihrer Ansicht fast alle Hospizhelferinnen gemacht. „Es ist die Möglichkeit, sich der Frage der eigenen Sterblichkeit zu stellen, dadurch die Angst vor dem Sterben zu verlieren und zu wissen, dass andere Menschen diese Prüfung bestehen.“ Dass man dafür dankbar ist, könnten viele Außenstehende nicht verstehen.

Dass der Kreis Bergstraße heute zu einem der wenigen Landkreisen in Hessen gehört, in denen es nahezu eine flächendeckende Hospiz-Arbeit gibt, ist ein Verdienst von Menschen wie Erika Ritter.

Das Foto zeigt Erika Ritter, die eine für die Hospiz-Arbeit entscheidende Bibel-Stelle aufschlägt.
Text u. Foto: bet