18.11.08 Wegekreuze - Trauerbewältigung nach Unfalltod

Jeder Autofahrer kennt sie: die Kreuze an den Straßenrändern. Über manche ist buchstäblich Gras gewachsen, andere sind weithin sichtbar. Die Wegekreuze erinnern an Menschen, die an dieser Stelle bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen sind.

Es geschah an einem 31.Oktober – einem schönen, sonnigen Herbsttag. Ein junger Mann aus der Pfalz nutzte das Wetter, um noch einmal in diesem Jahr mit seinem Motorrad auszufahren. Am nächsten Tag wollte er es für den Winter abmelden. Es wurde seine letzte Fahrt. In Heppenheim in der Gießener Straße fuhr ein Autofahrer bei Rot über die Ampel, der Motorradfahrer konnte nicht mehr ausweichen. Er stieß mit dem Auto zusammen, stürzte auf die Fahrbahn und wurde dabei tödlich verletzt. Pfarrerin Barbara Tarnow ist die zuständige Koordinatorin für Notfallseelsorge. An diesem Tag war sie vor Ort und betreute die Eltern des getöteten Motorradfahrers. Sie waren aus der Pfalz angereist in dem Glauben, dass ihr Sohn zwar schwer verletzt, aber noch am Leben sei. „Der Schock saß tief; die Eltern waren fassungslos“, erinnert sich die Pfarrerin. „Beim Abschied sagte der Vater: an diesen verfluchten Ort komme ich nie wieder“ Kurze Zeit später aber errichteten die Angehörigen an der Unfallstelle ein Wegekreuz, an dem bis heute immer wieder Blumen niedergelegt werden. Es ist keines der üblichen Holzkreuze, sondern ein festes Metallkreuz. „Das Kreuz soll das Unbegreifliche des Unfalltodes begreifbar machen und manchmal dem Ort nachträglich einen Sinn geben“, sagt Barbara Tarnow. Das wirke entlastend.

Viele Wegekreuze dienen als Mahnmal und als Warnung an Auto- und Motorradfahrer vorsichtig zu fahren und nicht noch einmal einen Unfall mit solch tragischen Folgen zu riskieren. Das ist auch der Grund, warum die Polizei die Wegekreuze duldet. Sie sind ohne Genehmigung errichtet worden, werden von den Straßenmeistereien aber stehen gelassen. „Die Kreuze am Straßenrand haben einen präventiven Charakter. Sie mahnen zur Vorsicht“, sagt Marc-Alexander Wuthe vom Polizeipräsidium Südhessen. Es gebe auch keine Frist, wie lange die Wegekreuze toleriert werden. Laut Polizei bleiben sie in der Regel sie solange stehen, bis sie verwittern. Insgesamt habe die Zahl der Wegekreuze in den letzten Jahren stark zugenommen.

Der Theologe Ingmar Neserke vertritt die Auffassung, dass Wegekreuze eine eher männliche Form der Trauerbewältigung seien. Wenn Männern der plötzliche Unfalltod eines Angehörigen oder Freundes nahe gebe, leisteten sie Trauerarbeit „im handwerklichen Sinne“. Sie zimmern eigenhändig Kreuze, stellen sie auf und pflegen sie. Männer könnten auf diese Weise ihre Trauer ohne viele Worte aktiv zum Ausdruck bringen. “Es ist charakteristisch, dass dem Vater die Gedenkstätte am Unfallort mehr bedeutet als der Friedhof, während der Mutter das Grab wichtiger ist“, schreibt Ingmar Neserke in einem Beitrag für das von Barbara Tarnow und Katharina Gladisch herausgegebene Buch „Seele in Not“. Es gibt allerdings keine Statistiken oder Umfragen, die untermauern könnten, dass mehr Männer als Frauen Wegekreuze zur Trauerbewältigung brauchen.

Ein Holzkreuz an der Bundesstraße 3 bei Alsbach wird nicht von einem Mann gepflegt. Vor drei Jahren war dort ein junger Familienvater ebenfalls mit einem Motorrad tödlich verunglückt. Mit schwersten Verletzungen wurde er in die Unfallklinik nach Ludwighafen gebracht. Die Ärzte konnte sein Leben nicht retten. Pfarrerin Ulrike Scherf hatte die damals hochschwangere Ehefrau in die Klinik begleitet. „Für sie war es eine Schocksituation, die mehrere Stunden dauerte“. Das Kreuz ist für die Familie ein öffentlicher Gedenkort für den verunglückten Ehemann und Vater. Dieses Kreuz soll auffallen. Es ist so gestaltet, dass Passanten und Autofahrer hinschauen. Neben dem Kreuz wurde eine Birke gepflanzt, an der drei rote Herzen hängen. Auf dem Kreuz ist ebenfalls ein Herz zu sehen und die Worte: Eugen lebt. „Individuell gestaltete Wegekreuze sind eine neue Form der Trauerbewältigung. An einen besonderen Menschen soll ganz besonders erinnert werden“, vermutet Pfarrerin Ulrike Scherf.

Andere Trauernde benötigen Wegekreuze nur für eine vorübergehende Zeit. An der B 3 – ganz in der Nähe des Wegekreuzes für den Motorradfahrer - steht ein inzwischen fast ganz von Efeu überwachsenes, kaum mehr zu sehendes Holzkreuz. Es sollte an einem Autofahrer erinnern, der an dieser Stelle einen Herzinfarkt bekam und dabei tödlich verunglückte. Dieses Kreuz habe sicherlich mehrere Jahre dazu beigetragen, die Trauer zu verarbeiten, meint Pfarrerin Barbara Tarnow. Nun könnten die Angehörigen wohl neue Wege gehen und brauchten diesen Ort der Erinnerung nicht mehr. Der Trauerweg, so die Notfallseelsorgerin, sei ein sehr persönlicher und individuell unterschiedlicher Prozess, von dem der Bibelvers gelte: „Ein jegliches hat seine Zeit“ (Prediger 3,1).

Das Bild zeigt das Wegekreuz in Heppenheim, Gießener Straße
Text u. Foto:bet