31.10.08 „Kirche bedarf immer der Reform“

Am 31. Oktober feiern die evangelischen Christen den Reformationstag. Sie erinnern damit an die 95 Thesen, die Martin Luther im Jahr 1517 an die Türen der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt haben soll. Heute, 491 Jahre später, kann man den Eindruck gewinnen, dass ganz andere Geister im öffentlichen Interesse stehen. Frau Scherf, hat Halloween dem Reformationstag den Rang abgelaufen?

Wenn Sie auf die öffentliche Wahrnehmbarkeit von Halloween anspielen, haben Sie natürlich Recht. Der Reformationstag wird bei weitem nicht so sichtbar gefeiert. Aber anders als Halloween, das erst in den letzten Jahren auf großes, nicht zuletzt kommerzielles Interesse stößt, hat die Reformation ja unseren ganzen Kulturkreis geprägt. Viele Errungenschaften der Reformatoren haben bis heute hohen „Rang“ – etwa die Bedeutung der Bildung oder die Verantwortlichkeit des Einzelnen.

Im Gegensatz zu den Kindern an Halloween kann die Ev. Kirche ja nicht „Süßes“ fordern und andernfalls „Saures“ androhen. Wie kann man den Reformationstag attraktiver machen?

Hierbei muss gut überlegt sein, welche Art von Veranstaltung der Botschaft angemessen ist und diese nicht banalisiert. Wenn Kindern Süßigkeiten mit dem Aufdruck Martin Luthers geschenkt werden, die so genannten Luther-Bonbons, ist das noch kein Reformationsfest. In den Gemeinden gibt es viele gute Ideen. In Heppenheim z.B. wird ein Jugendgottesdienst mit einer anschließenden Nacht in der Kirche gefeiert – mit Aktionen und Gebetsimpulsen. In Alsbach und Zwingenberg gibt es Vorträge zu verschiedenen Reformatoren. Viele kreative Ideen werden in Kinder- und Jugendgruppen oder im Konfirmandenunterricht umgesetzt – etwa mit Theateraktionen oder Disputationsrunden.

Der Reformationstag ist kein gesetzlicher Feiertag, sondern ein ganz normaler Arbeitstag. Wie sollten, wie können evangelische Christen diesen Tag begehen?

Wer arbeitet, kann am Abend Gottesdienste und andere Veranstaltungen besuchen. Darüber hinaus kann jede/r selbst darüber nachdenken, was ihm an der Reformation wichtig ist und was heute zu reformieren ist – in unserer Gesellschaft, aber auch innerhalb unserer Kirche. Martin Luther hätte uns sicher empfohlen, an diesem Tag – wie jeden Tag – in der Bibel zu lesen. Denn dass allein die Bibel die Grundlage unseres Glaubens und Orientierung für das Leben ist – und keine Hierarchie, keine Tradition, war ja eine seiner reformatorischen Grunderkenntnisse.

Was bedeutet der Reformationstag für Sie persönlich?

Der Reformationstag erfüllt mich mit Dankbarkeit und gibt mir Mut. Dankbar bin ich dafür, dass Martin Luther neu in der Bibel entdeckt hat, dass wir ohne Vorleistung, nur aufgrund unseres Glaubens und aus Gnade von Gott angenommen sind. Deshalb sollte unsere Kirche immer diesen Geist der Freiheit atmen und Menschen helfen, in Freiheit, Gerechtigkeit und Verantwortlichkeit zu leben. Beeindruckt bin ich immer wieder neu von dem Mut, den Martin Luther und viele Menschen bis heute aufgrund ihres Glaubens bewiesen haben. Vor Kaiser und Papst zu stehen, um die Bedrohung des eigenen Lebens zu wissen und sich trotzdem zu seiner Überzeugung zu bekennen: „Ich stehe hier und kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen“ – Menschen mit solchem Mut und solcher Zivilcourage brauchen wir heute, vielleicht mehr denn je.

Luthers Thesenanschlag in Wittenberg wurde als Kampfansage an Kirche und Papst verstanden. Welche Botschaft geht heute vom Reformationstag aus - auch und gerade gegenüber der katholischen Kirche?

Wesentliches verbindet uns mit unseren katholischen Schwestern und Brüdern – selbst Luther wollte ja keine evangelische Kirche gründen, sondern die vorhandene Kirche erneuern und reformieren. Trotzdem werden wir im Gespräch mit unserer Schwesterkirche immer wieder auf die Bedeutung der Bibel hinweisen, der nach evangelischem Verständnis alles andere – auch die kirchliche Tradition - untergeordnet ist. Wir legen Wert darauf, dass Männer und Frauen in gleicher Weise Verantwortung in unserer Kirche tragen, auch im Pfarrberuf. Und dass Gemeindeglieder wie Pfarrerinnen und Pfarrer die gleiche Stellung vor Gott haben und deshalb gemeinsam Verantwortung für das geistliche und soziale Leben tragen – vom Kirchenvorstand vor Ort bis hin zur Kirchenleitung. Der Reformationstag wird auch als Tag der kirchlichen Selbstkritik aus Gottes Wort verstanden, als ein „Tag heilsamer Anstößigkeit“. Kirche bedarf immer der Reform und sollte nie in sich selbst zufrieden sein. Dieses Signal geht vom Reformationstag aus.