09.10.08 Wald-Michelbacher Schüler bei Gerichtsverhandlung zum Fall Alwahashi

„Ich wollte nur tschüß sagen, Ich hab Dich so lieb. Ich werde Dich nie wieder sehen. I l y“ Nina hält das Handy in ihrer Hand. Die SMS ist von ihrer Freundin Abhbe. „I l y“ – I love you – Ich hab Dich lieb. Das Mädchen wurde im Juli gemeinsam mit ihrer neunköpfigen Familie aus dem Gorxheimertal im Juli abgeschoben.„Wir kannten uns schon seit der Grundschule“, erklärt Nina und Melanie wirft ein: „Die Zwei waren die besten Freundinnen.“
Diese SMS hat die junge Jemenitin auch an andere Freundinnen geschickt, als sie von der Polizei zu Hause aufgesucht wurden, die die Abschiebung vollstreckte. Am Freitagmorgen haben sich die Wald-Michelbacher Schüler der achten Hauptschulklasse von Jutta Reidenbach und der 8aR von SabineBesier gemeinsam mit ihren Klassenlehrerinnen auf den Weg nach Darmstadt gemacht. Im Verwaltungsgericht stand der Fall Alwahashi in Abwesenheit der Familie auf der Tagesordnung. Und die Jungen und Mädchen waren voll bei der Sache.
Immer wieder kam das Gespräch auf die beiden ehemaligen Klassenkameraden Abhbe und Abdulrab, den alle nur Abdul nannten. Die Mädchen wissen noch, wie es war, wo sie waren, als sie die SMS von Abhbe gelesen haben und für alle war es unwirklich. „Die SMS kam morgens und ich hatte noch geschlafen. Ich konnte es erst gar nicht glauben. Sie sagte, ich solle ihren Nachbarn fragen, als ich wissen wollte, was los ist“, berichtet Duygu. „Der redet manchmal auch Blödsinn, deshalb wollte ich bis Montag warten – und dann war sie nicht da.“ SMS und Internet: Schnell hat es sich rum gesprochen, dass Abdul und Abhbe, die in der achten Haupt- und Realschulklasse auf der Eugen-Bachmann-Schule waren, zurück in den Jemen mussten. Der 15-jährige Osman hat im Schüler-VZ, einem Onlineportal speziell für Jugendliche, davon erfahren und in der Stufe war das schon eine große Sache. Seit vier Jahren kennt Osman den 15-Jährigen Abdul. Sie waren auch gemeinsam auf Klassenfahrten. „Der hat immer lustiges Zeug gemacht“, erzählt Dominic aus Siedelsbrunn. „Wenn man Probleme hatte, konnte man’s ihm sagen und er hat dann geholfen“, erzählen die Jungs von ihrem Kumpel.
Die Mädchen werden persönlicher, erzählen, dass sie geweint haben, als sie davon erfahren haben. Für nahezu alle Schüler war klar, dass sie dazu auch öffentlich etwas sagen wollen, nachdem sie die Erlaubnis der Eltern eingeholt hatten. Die Bahnfahrt von Weinheim nach Darmstadt geht schnell. Einige der Schüler schreiben Briefe, die sie im Gericht der evangelischen Pfarrerin Edith Unrath-Dörsam geben wollen, weil eine Kollegin bald in den Jemen fährt und die Post der Familie überbringen kann. „Ohne Dich ist es voll komisch in Franz“, schreibt Melanie in ihrem Brief, „keiner, der immer alles weiß, keiner der sich immer so komisch aufträgt. Es ist einfach alles anders. Ich vermiss Dich voll.“
Beide Schüler waren voll integriert in die Klassengemeinschaft, berichten die beiden Lehrerinnen. „Sie haben sich eigentlich nur durch ihr Äußeres unterschieden von deutschen Schülern. Sie haben fließend Deutsch gesprochen und geschrieben. Die arabischen Schriftzeichen kennen sie gar nicht“, erzählen die beiden Pädagoginnen.
Gemeinsam mit Flavio Danieli von Caritas haben sie die Schüler auf die Verhandlung vorbereitet. Danieli hat die jemenitische Familie von Caritas aus betreut und hat den Jugendlichen von den Hintergründen und den Umständen der Abschiebung berichtet. Die Polizei tauchte in der Wohnung der Familie auf mit Hunden, erzählen die Mädchen. Eine halbe Stunde hatte die Familie Zeit, das Nötigste zusammenzupacken. „Wie die abgeschoben wurden, dass ist unter der Menschenwürde“, kommentierte Melanie. „Wir wussten nicht, dass sie politisch verfolgt wurden“, ergänzt Jessica. „Drei der Kinder sind sogar in Deutschland geboren“, auch das alles half nichts.
„9.35 Uhr“ hält der Vorsitzende Richter, Olav Rumpf, fest. Die Gerichtsverhandlung geht schnell über die Bühne. Es sieht nicht gut aus für Familie Alwahashi. Dem Vater wird vorgeworfen, er habe sich nicht um Arbeit gekümmert und das Verfahren behindert, weil er nach mehrfacher Aufforderung nicht beim Konsulat vorgesprochen hat. Auch steht die Behauptung im Raum, Alwahashi habe einen Alibinamen benutzt. Der Richter erachtet die rechtlichen Möglichkeiten des Anwalts der Familie als „nicht rosig“. Die Zeugenvernehmung von Flavio Danieli wird abgelehnt. Die Entscheidung wird den Parteien innerhalb von zwei Wochen schriftlich zugehen. „10.07 Uhr“. Geschockt und wütend sind die Besucher.
„Der menschliche Aspekt war nicht relevant“, beurteilt Birgit Oesau, die ehemalige Klassenlehrerin von Abdul. Auch sie ist extra zur Verhandlung gekommen. „Schon doof“, befindet die 13-jährige Manuela die Sache. „Eigentlich müsste der Richter neutral sein“, ertönt der Vorwurf von einer Schülerin. Der 14-jährige Sebastian spekuliert, dass „sie Probleme gehabt“ hätten, wenn Danieli ausgesagt hätte. Ganz so sieht es Danieli vom Migrationsdienst der Caritas nicht, aber auch er ist sich sicher, dass er für Klarheit hätte sorgen können. Auch Edith Unrath-Dörsam hätte die Aussage für wichtig erachtet. Schließlich sei die Familie nicht da. Rainer Volz, von der Arbeitsgruppe Asyl, findet es furchtbar, wie die Verhandlung gelaufen ist. Er schrieb in einem Brief an Familie Alwahashi: „Ich bin voller Zorn über das, was Euch angetan wurde“. Und auch die 15-jährige Marleen sagt: „Ich werde voll aggressiv.“ Alle sind erschüttert und bewegt. „Es zählt nicht, dass sie sich bemüht haben.“ „Hier geht es den Leuten gut und die Familie sitzt im Jemen, ist getrennt und es geht ihnen schlecht.“ Gleichzeitig fragt eine der Schülerinnen ihre Lehrerin: „Dürfen wir Kuchen verkaufen, um ihnen zu helfen, damit wir ihnen Geld schicken können?“

 

Das letzte Klassenfoto vom 19. Juni 2008. Abhbe ist die dritte von links in der vorderen Reihe.

Text: Marion Körner
Foto: Birgitt Oesau