07.10.2008 „Das stärkt das Evangelische in der katholischen Schule“

Nach zehn Jahren als Pfarrerin in Biebesheim hat Carmen Oestreich die Gemeinde mit der Schule getauscht. Sie unterrichtet seit diesem Schuljahr Religion - nicht an einer staatlichen Schule, sondern an der vom Bistum Mainz getragenen Liebfrauen-Schule in Bensheim. Wir haben nachgefragt: Wie fühlt sich eine evangelische Pfarrerin an einem katholischen Mädchen-Gymnasium?
Verlassen, einsam und allein in der Diaspora sei sie nicht, sagt Carmen Oestreich schmunzelnd. Es gebe etliche evangelische Lehrerinnen und Lehrer im Kollegium und auch etwa die Hälfte der Schülerinnen sei evangelisch. An der Schule sei sie herzlich aufgenommen worden. Das katholische Seelsorge-Team habe sie sofort als gleichberechtigte Kollegin akzeptiert. Oekumene gehöre ausdrücklich zum Schulprofil. „Wir machen viele Gottesdienste gemeinsam. Ich fühle mich an der Liebfrauen-Schule aufgehoben“, betont Carmen Oestreich. Differenzen wie das unterschiedliche Amtsverständnis, die unterschiedlichen Auffassungen von Eucharistie, von Abendmahl müsse man respektieren, meint die 44jährige. In den Schulgottesdiensten trage sie bewusst den Talar: „Die evangelischen Schülerinnen erleben es als sehr wohltuend, wenn eine Pfarrerin im Talar predigt oder den Segen spendet“. Und sie fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Das stärkt das Evangelische in der katholischen Schule.“
Die Liebfrauen-Schule ist die Wunschschule von Carmen Oestreich. Denn dort habe Religionsunterricht einen viel höheren Stellenwert als an staatlichen Schulen. Das Fach könne auch nicht einfach abgewählt werden. Dadurch gebe es eine höhere Verbindlichkeit. Mit den Schülern könne sie auf einem ganz anderen theologischen Niveau arbeiten. Viele Eltern schickten ihre Kinder bewusst auf diese Schule, weil ihnen das christliche Menschenbild und die damit verbundene pädagogische Zuwendung wichtig seien. Es gebe unter den Schülerinnen aber auch erklärte Atheistinnen. „Es ist spannend, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, was für sie wichtig ist, worauf sie bauen und vertrauen“, sagt Carmen Oestreich. Auch der inter-religiöse Dialog komme nicht zu kurz. Zu ihren Schülerinnen gehört ein muslimisches Mädchen.
Carmen Oestreich ist nicht nur als Religionslehrerin, sondern auch als Schulseelsorgerin tätig. Ein Viertel ihrer Stelle ist ausdrücklich für Einzel- oder Gruppengespräche vorgesehen. Dazu zählen auch Krisen- und Konfliktbewältigung - etwa bei Mobbing-Fällen. Disziplinprobleme gibt es nach Angaben der Schulpfarrerin aber so gut wie nicht. Sie erlebe ihre Schülerinnen als „engagiert, pfiffig und offen“. Dass es sich bei der Liebfrauenschule um ein reines Mädchengymnasium handele, sei dabei eher von Vorteil. Gerade in der Pubertät treibe die Schülerinnen und Schüler von gemischten Klassen immer wieder die Frage um, wie sie vom jeweils anderen Geschlecht wahrgenommen würden. Solche Streit- und Reizthemen blieben am Mädchen-Gymnasium außen vor - auch wenn es unter den Schülerinnen nicht immer konfliktfrei zugehe.
Die Entscheidung, die Gemeinde mit der Schule zu wechseln, hat Carmen Oestreich nicht bereut. Sie kann an der Liebfrauen-Schule nicht nur unterrichten, sondern auch weiter das tun, was ihr als Gemeindepfarrerin wichtig gewesen sei: Gottesdienste feiern, als Seelsorgerin arbeiten und mit den Schülerinnen auf Freizeiten gehen. In einem Punkt ist sie selbst allerdings noch lernfähig. Für die Herbstferien – ihre ersten Ferien an der Liebfrauenschule- hat sie sich viel zu viel Arbeit mit nach Hause genommen. 200 Schulhefte müssen noch korrigiert und benotet werden.

Text u. Foto: bet