02.10.2008 Wichern-Ausstellung

Mitte des 19. Jahrhunderts war die „äußere Mission“, die organisierte Bekehrung von Menschen in Afrika und anderswo zum Christentum, groß in Mode. In dieser Zeit wirkte es wie eine ungeheuerliche Provokation, dass der junge evangelische Pfarrer Johann Hinrich Wichern die Bekämpfung des sozialen Elends vor der eigenen Haustür forderte. Es schlug die Geburtsstunde der „Inneren Mission“ und zugleich wurde der Grundstein für die moderne Diakonie gelegt. An das Leben und Wirken Wicherns erinnert eine Ausstellung, die jetzt im Heppenheimer Haus der Kirche eröffnet wurde.

Tätige Nächstenliebe und der Glaube gehörten für Wichern untrennbar zusammen, sagte der langjährige Geschäftsführer des Diakonischen Werks Frankfurt, Dr Jürgen Albert in seinem Vortrag zur Ausstellungseröffnung. Nach Wicherns Verständnis hat der Gläubige ein Amt, die Welt aktiv zu gestalten. Wichern gründete Hilfsvereine, Rettungsmissionen und das berühmte „Rauhe Haus“ in Hamburg für gestrandete Jugendliche Mit dieser Auffassung vom allgemeinen Priestertum habe sich Wichern im Gegensatz zur damaligen Staatskirche befunden, betonte der Referent. Vertreter der Staatskirche hätten Wicherns Vorstellungen denn auch als „gefährliches Schlangengewächs“ bezeichnet. Jürgen Albert würdigte die Leistung Johann Hinrich Wicherns. Er habe dem Protestantismus „Weltverantwortung“ übertragen und ihn damit modernisiert.

Was von Wichern heute geblieben ist, damit beschäftigten sich die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion. Der Vorsitzende des Bergsträßer Kreistags, Werner Breitwieser, meinte, die Verhältnisse heute seien grundlegend anders. Der Staat fange soziales Elend auf. Allein der Landkreis Bergstraße zahle pro Jahr rund 45 Millionen Euro Umlage an den Landeswohlfahrtsverband, der dafür entsprechende soziale Einrichtungen betreibe. Ursula Thiels vom Diakonischen Werk Bergstraße sagte: „ Wir sind mit 90 Mitarbeitern ein großer Arbeitgeber geworden“. Im Kreis Bergstraße betreibe das Diakonische Werk 30 unterschiedliche Arbeitsschwerpunkte - von Projekten für benachteiligte Jugendliche über Wohnungslosenhilfe bis zu Qualifizierungsbetriebe für Langzeitarbeitslose. Bei Neueinstellungen, so Ursula Thiels, werde zwar nach der christlichen Orientierung des Bewerbers gefragt, entscheidend sei aber die „gute soziale Arbeit“. Die Bergsträßer Dekanin Ulrike Scherf sagte: „Diakonisches Handeln gehört zum Wesen unseres Glaubens“. Es sei für die Kirche wichtig, genau hinzugucken und soziale Not wahrzunehmen. Bei der Beseitigung sozialer Missstände müsse aber auch der Staat in die Pflicht genommen werden. „Als Kirche können wir uns nicht anmaßen, alles abstellen zu können“, so Dekanin Scherf.

Wichern hatte übrigens nicht nur das Elend in Hamburg beklagt. In einem Brief, den er 1849 aus Darmstadt an seine Frau schrieb, heißt es: „Der Zustand des Volkes in dieser Gegend ist ein gar verwahrloster“. Noch härter als mit den südhessischen Verhältnissen ging er mit den Zuständen in einer heutigen Metropolregion ins Gericht: „Am Elendsten steht es in Mannheim. Man weiß dort nicht mehr, was Christentum ist.“

Die von Christine Steigler, Fachstelle Bildung und Erziehung im Dekanat Bergstraße, konzipierte Wichern-Ausstellung ist bis zum 2. November im Haus der Kirche während der Öffnungszeiten zu sehen – Montag, Dienstag und Freitag von 8.30 Uhr bis 13.00 Uhr; Dienstag und Donnerstag 13.30 – 16.30 Uhr Andere Termine nach telefonsicher Absprache unter: 06252 6733-44

Das Foto zeigt von links nach rechts: Dekanin Ulrike Scherf, Werner Breitwieser (Kreistagsvorsitzender) Pfarrer Carsten Stein (Moderator), Ursula Thiels ( Diakonisches Werk Bergstraße) Dr Jürgen Albert (langjähriger Geschäftsführer des Diakonischen Werks Frankfurt)

Text u.Foto: bet