12.09.2008 Auf der Wuttreppe zum Notausgang - Erziehungskurs


Das Kind trotzt. Nein, es will seine Zähne nicht putzen. Nein, es will nicht ordentlich am Tisch sitzen und manierlich essen. Nein, es will sich nicht anziehen. Nein, es will nicht schlafen. Nein, es will diese Schuhe nicht anprobieren. Nein, es will das Zimmer nicht aufräumen. Der Elternmensch bittet. Bettelt. Ermuntert. Ermutigt. Verschärft den Tonfall. Zählt bis drei. Droht Konsequenzen an. Schreit. Schlägt Türen – aber nicht das Kind.

Zu sehen, dass die aus wachsender Ohnmacht und Hilflosigkeit entstehende Wut in Alltagssituationen allen nur zu gut bekannt ist: Das ist eine der zentralen Erfahrungen, die Eltern im mittlerweile als Markenzeichen eingetragenen Kurs „Starke Eltern – Starke Kinder“ machen können. „Es war grundsätzlich sehr angenehm zu erfahren, dass es fast allen so geht und dass ich nicht die Einzige bin“, sagt Anja Nichols, Mutter einer vierjährigen Tochter.

Birgit Geimer, Erzieherin, Diplom- Religionspädagogin, Bildungsreferentin, bietet zusammen mit Erika Hovy, Diplom-Pädagogin und Motopädin-Therapeutin mittlerweile den 4. Kurs zum Thema „Mehr Freude weniger Stress mit den Kindern“ an. Anja Nichols, hat am letzten Kurs, der im Mai endete teilgenommen. „Wenn ich allein daran denke wie ich zu diesem Kurs gekommen bin...Eine Freundin von mir, die eigentlich an diesem Kurs teilnehmen wollte, aber keine Zeit hatte, bat mich am Infoabend teilzunehmen. So viele Abende über Wochen und dazu noch in einen Babysitter investieren waren meine Gedanken. Als ich an diesem Abend nach Hause fuhr, war mir klar, dass dieser Kurs es wert ist, nicht nur im Bezug auf das eigene Kind, sondern eine Persönlichkeitsbildung auch für mich selbst. Wie oft im Leben muss man Menschen in seinem Umfeld Grenzen setzen und hat Probleme im Bezug auf das richtige Zuhören und die Kommunikation im Alltag.“

Das Formulieren von Werten, Bedürfnissen und sich den daraus entwickelnden Zielen ist die erste von fünf Stufen, die die Eltern im Erziehungsalltagskurs erklimmen, sagt Birgit Geimer. Diese Werte und Bedürfnisse können bei zwei Elternteilen durchaus unterschiedlich sein. Wichtig sei, dass man sich darüber klar wird, austauscht und der andere diese Einstellung auch akzeptiert.

In der zweiten Stufe erfahren die Eltern, dass sie sich als Erzieher „selbst auch etwas zutrauen“ können, wie Erika Hovy sagt. „Und auch zugestehen, dass negative Gefühle wie Wut durchaus in Ordnung sind“, ergänzt Anja Nichols. Es gehe nur darum, wie man damit agiert. „Wie andere damit umgehen, das war für mich wichtig zu erfahren.“ Alle Gefühle seien erlaubt, bestätigt Erika Hovy, aber nicht alle Handlungen. Dies versinnbildliche die Wuttreppe: „Es geht darum, wie man den Notausgang findet und die Tür nicht zuschlägt.“

Als dritte Stufe folgt die Stärkung des kindlichen Selbstvertrauens. Dazu gehört Hilfestellung zur Lösung von Problemen – nicht die Lösungsvorgabe, wie Birgit Geimer betont. Analysierendes Zuhören ist ebenso wichtig wie die Sendung von Ich-Botschaften und man muss auch zulassen, dass sie Fehler machen. Das fällt erfahrungsgemäß schwer. Klare Kommunikation – warum stört mich etwas? Teile ich mit, warum ich mich gestört fühle? – ist Stufe vier. Fünfter und letzter Punkt ist die Konfliktlösung. „Was ist das Problem und wie möchte ich mein Ziel erreichen“, zerlegt Birgit Geimer die Bestandteile. „Da wird empfohlen zu experimentieren und die Tipps, die ich im Kurs erhalten habe erleichtern einige Situationen“, sagt Anja Nichols. „Es gibt nicht eine Lösung, sondern tausende,“, ergänzt Birgit Geimer. Irgendeine funktioniert auf jeden Fall.

Birgit Geimer staunt, wie viel nach vier Monaten noch bei den beiden Teilnehmern hängen geblieben ist. Hat sich denn auch in den Familien etwas verändert? „Ja“, sagt Anja Nichols. „Durch die Erfahrungen im Kurs begann ein besseres Verständnis für alle Beteiligten in der Familie. Dazu beigetragen haben auch die tollen Wochenaufgaben (auf freiwilliger Basis) und die Erinnerungsstücke, z.B. Taschentuch mit Knoten, die in Stresssituationen an das Erlernte erinnern sollen, gaben und geben immer noch Hilfe im Alltag.“

Eins gibt es bei „Starke Eltern – Starke Kinder“ nicht: eine konkrete Patentlösung. „Die kommen höchstens von den Eltern“, sagt Birgit Geimer, Leiterin des Kurses. Denn: „Jeder muss als Vater oder Mutter seinen eigenen Weg finden.“

Der nächste Kurs „Starke Eltern – Starke Kinder“ - Weniger Stress mehr Freude mit den Kindern“ findet im Herbst 2008 am Vormittag an folgenden Terminen im Haus der Kirche statt: Samstag 06.9.2008 10.00 - 16.00 Uhr (Nur am Sa. mit Betreuung für Kinder ab 3 Jahre) Freitag 12.09. 9 - 11:30 Uhr Freitag 19.09. 9 - 11:30 Uhr Freitag 26.09. 9 - 11:30 Uhr Sonntag 26.10.2008 10.00 - 16.00 Uhr (Nur am So. mit Betreuung für Kinder ab 3 Jahre) Freitag 07.11. 9 - 11:30 Uhr Freitag 14.11. 9 - 11:30 Uhr Freitag 21.11. 9 - 11:30 Uhr Freitag 28.11. 9 - 11:30 Uhr Kosten: Für Kirchenmitglieder: 65,- € für Einzelperson/80,- € als Ehepaar Für Nichtmitglieder: 85,- € für Einzelperson/110,- € als Ehepaar

Informationen und Anmeldung: ab sofort direkt bei uns in der Fachstelle Bildung und Erziehung Ansprechpartnerin Birgit Geimer, Haus der Kirche, Ludwigstr. 13, 64646 Heppenheim Tel.: 06252 / 673332, Fax: 06252 / 673315, E-Mail: geimer@haus-der-kirche.de

Text und Bild: Mareike Boos