01.06.2008 Ein freudiges Ereignis bei den Krisenhelfern - Siebenjähriges Jubiläum der Bergsträßer Notfallseelsorge


Eine Krise kommt ohne Ankündigung – ein schwerer Unfall, ein Suizid oder ein plötzlicher Tod. Leben heißt Lernen. Menschen lernen von ihrer Kindheit an wie sie in den unterschiedlichsten Situationen reagieren können. Doch das eigene Verhalten und die Reaktionen bei einer menschlichen Katastrophe haben wir nicht gelernt. Im Kreis Bergstraße können 60 Mitarbeitende der Notfallseelsorge in solchen Krisensituationen für Betroffene da sein. Sie hören ihnen zu, halten Trauer und Schmerz mit ihnen gemeinsam aus. „Notfallseelsorger engagieren sich und können so denen beistehen, deren Seele in Not geraten ist“ unterstrich Barbara Tarnow.

Die evangelische Pfarrerin leitet und koordiniert seit sieben Jahren die Notfallseelsorge im Kreis Bergstraße. Ein außergewöhnlicher Geburtstag, der am Wochenende mit vielen Gästen gefeiert wurde. Notfallseelsorger sind nicht die Ersten, die bei einem besonderen Ereignis für die schnelle Hilfe zur Stelle sind. Sie schließen jedoch eine zuvor bestehende Lücke in der Rettungskette. „Wir beeilen uns“ heißt für sie bei einem Einsatz die Devise. Sie fahren mit ihrem Privat-PKW und haben daher im Straßenverkehr keine Sonderrechte. Der Faktor Zeit hat für sie eine andere Dimension. Sobald sie angekommen sind, stehen sie nämlich nicht unter Zeitdruck und können sich mit aller Intensität um die Menschen kümmern. Drei bis fünf Stunden – aber auch länger – sind sie oftmals für Einzelpersonen oder Familien da. Sie helfen mit, die für betroffene Menschen außer Kontrolle geratene Situation zu entschleunigen.

Das nehmen die anderen in der Rettungskette – Polizei, Feuerwehr oder der Rettungsdienst – als eigene Entlastung wahr. „Unser Leben wird viel leichter seit es Sie gibt – wir können mit gutem Gefühl gehen, wenn wir wissen, dass sie für die Menschen da sind“ unterstrich Notärztin Barbara Müllerleile ihren Dank. „Mitmenschlichkeit hat für Sie einen hohen Stellenwert“ betonte auch Bürgermeister Gerhard Herbert seine Anerkennung. Dekanin Ulrike Scherf vom evangelischen Dekanat Bergstraße zeigte auf, wie viel Liebe, Engagement und Einfühlsamkeit aber auch Kompetenz durch seine Lebenserfahrung und Ausbildung jeder Notfallseelsorger in diese verantwortungsvolle Aufgabe einbringt. „Das Werkzeug Ihrer Hilfe sind Sie selbst“ bezeichnete es Bernd Lohmann, stellvertretender Präses des evangelischen Dekanats Ried. Den hohen Stellenwert der Notfallseelsorge in dem gut funktionierenden Gesamtsystem des Rettungswesens hat zudem Gottlieb Ohl, Dezernent für Gefahrenabwehr, im Focus. Er erinnerte an das Bahn-Unglück in Eschede – damals gab es ähnliche Angebote der Krisenintervention nur annähernd.

„Ich bin richtig stolz – das alles bringt uns gut voran“ resümierte Dekanin Ulrike Scherf und tatsächlich: Im Kreis Bergstraße kann man stolz sein auf das bestens funktionierende System Notfallseelsorge. Das erleben die Bergsträßer Notfallseelsorger immer dann, wenn sie sich auf Landes- oder Bundeskongressen weiterbilden. Mancher Kollege wird direkt neidisch, denn der Standard der Ausbildung, die hohe Zahl der integrierten ehrenamtlichen und pastoralen Mitarbeiter und die Aufteilung der Dienste sind beispielgebend. Aber auch die Nachbesprechungen und der Erfahrungsaustausch nach Einsätzen. Im Bundesgebiet ist die Notfallseelsorge Kreis Bergstraße zudem durch ihre Struktur einzigartig:

Die katholische und evangelische Kirche sind ebenso integriert wie die verschiedenen Rettungsorganisationen Deutsche Lebensrettungsgesellschaft, Deutsches Rotes Kreuz, Johanniter Unfallhilfe und Malteser Hilfsdienst. Zudem unterstützen die Freiwilligen Feuerwehren und das Technische Hilfswerk die Notfallseelsorge. „Wir sind dabei und gehören dazu“ mit diesem Slogan will die Organisation zukünftig stärker signalisieren, dass sie aus all diesen Gruppierungen mitgetragen wird. Letztendlich kann also auch jede Kirchengemeinde die Notfallseelsorge als ein Spezialgebiet ihres eigenen Systems wahrnehmen.

Die evangelische Kirche hat einen besonderen Stellenwert dabei, da sie die Stelle der Notfallseelsorge Pfarrerin Barbara Tarnow finanziert und das Haus der Kirche in Heppenheim auch das Zuhause der Notfallseelsorge ist. Die Notfallseelsorger dankten deshalb Dekanin Ulrike Scherf, die nicht nur „Hausherrin“ ist, sondern auch von Anfang an als aktive Notfallseelsorgerin ihre Unterstützung bewiesen hat. Die Qualität der eigenen Leistung sowie die Optimierung der konstruktiven Zusammenarbeit mit den anderen Einsatzkräften sowie deren Organisationen zählen zu den zukünftigen Herausforderungen der Notfallseelsorger.

Ulf Langemeier vom Technischen Hilfswerk unterstrich, dass man gerne auf die Unterstützung der Notfallseelsorge und des sich daraus entwickelnden System der Stressbewältigung nach belastenden Einsätzen zurückgreift. „Sie haben innerhalb von sieben Jahren zwei Neuorganisationen aufgebaut, die 24 Stunden lang an 365 Tagen präsent sind – das ist eine hervorragende Leistung“ betonte er. Die Jahresversammlung zeigte auch hier ausdrucksstark, dass man sich für eine professionelle Weiterentwicklung engagiert. „Es ist gut wie es läuft, aber wir wollen trotzdem noch etwas voranbringen“ sprach Stephan Volk die Auswertung der Rückfragen bei den anderen Hilfsdiensten an. Die Polizei nimmt insbesondere die Unterstützung bei der Überbringung von Todesnachrichten als sehr wertvoll war. Viele positive Statements zeigten, dass die Notfallseelsorge als entlastend angesehen wird.

Auch die kritische Haltung der eigenen Leistung gegenüber zeichnet die Qualität der Notfallseelsorge im Kreis Bergstraße aus. Der Applaus der Notfallseelsorger und die anerkennenden Worte der Gäste belegten, dass dafür insbesondere - Pfarrerin Barbara Tarnow verantwortlich ist. Gemeinsam mit einem Leitungsteam sowie dem Arbeitskreis in den alle Organisationen eingebunden sind, koordiniert sie mit großem Einfühlvermögen und Weitblick die Entwicklung der Bergsträßer Notfallseelsorge. Die Mitstreiter Familie Stopp und Familie Eisenhauer der Ortsvereinigung des Deutschen Roten Kreuzes fungierten am Samstag als Gastgeber für die Jahresversammlung.

Hintergrund:: An jedem Tag und zu jeder Stunde kann es zu einer Alarmierung und damit zu einem Einsatz eines Notfallseelsorge-Teams kommen, denn die Statistik zeigte keine erkennbaren Häufungen. Die Jahresversammlung nutzten die Notfallseelsorger auch für statistische Auswertungen. Die 87 Einsätze des Jahres 2007 entsprechen der Zahl des Vorjahres, doch die Gewichtung von Monaten und Wochentagen ist unterschiedlich. Vor sieben Jahren startete die Notfallseelsorge Kreis Bergstraße. Damals wurden 39 Männer und Frauen ausgebildet – inzwischen haben 110 Personen die Ausbildung absolviert. Derzeit gibt es 60 aktive Notfallseelsorger die die Dienste abdecken. Rund um die Uhr sind jeweils zwei Personen als Team erreichbar und können über die Leitstelle des Rettungsdienstes alarmiert werden. Insgesamt 4066 Kilometer sind Notfallseelsorger im Jahr 2007 mit ihrem Privat-PKW im gesamten Kreisgebiet gefahren. Die Einsätze dauerten zwischen 15 Minuten und über sieben Stunden und 111 Männer sowie 98 Frauen wurden betreut. Ehrenamtliches Engagement kennzeichnet die Notfallseelsorge und so wurden auch die Mitglieder ausgezeichnet, die viele Einsätze absolvierten. Hans-Dietrich Stolz und Ursula Horter-Weber wurden jeweils 13 mal alarmiert. Die Notfallseelsorger Andrea Schwarz sowie Harald Logins waren jeweils 15 mal im Einsatz.

Text: Andrea Schwarz
Bild: Karl-Heinz Köppner