15.04.2008 Woche des Lebens: Das letzte Stück Himmel - Lebenssatt oder Leben satt


„Sie war ein Stück vom Himmel für mich“, sagte Julian – ein Satz, der hängen blieb bei allen Podiumsteilnehmern am Freitagabend und gleichzeitig der Satz, der dem Film von Jo Baier seinen Titel gab: „Das letzte Stück Himmel“.

Im Rahmen der ökumenischen Woche für das Leben zeigten das Evangelische Dekanat Bergstraße, die katholischen Dekanate Bergstraße Ost und West und das katholische Bildungswerk im Heppenheimer Kupferkessel den Film und luden ein darüber zu reden. Gesundheit - Höchstes Gut? Was macht das Leben lebenswert? - das waren die Fragen, um die es sich drehte.

Jo Baier, der Regisseur war extra aus München gekommen, um Einblicke hinter die Kulissen zu geben. Die evangelische Dekanin Ulrike Scherf und Matthias Gehrmann, katholischer Seelsorger im Zentrum für Soziale Psychiatrie in Heppenheim waren als Theologen mit von der Partie, außerdem hatten sich die Veranstalter Dr. Sabine Velthaus ins Boot, beziehungsweise aufs Podium geholt. Sie ist Psychologin am Zentrum für Soziale Psychiatrie.

Die Moderation übernahm Helwig Wegner-Nord vom Evangelischen Medienhaus, der viele Fragen vorbereitet hatte und damit für eine facettenreiche Betrachtung des Themas sorgte. Wegner-Nord selbst ist Online-Seelsorger der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und hat immer wieder Kontakt zu Menschen, die sich in schwierigen Lebenslagen befinden.

Auch Julian aus dem Film geht es nicht gut. Er hat nie wirklich den Tod der Mutter verkraftet, die an Krebs starb, als er vier Jahre alt war. Mehrfach will er sich das Leben nehmen. Sein Bruder Anno, der eine ganz andere Art hatte, mit dem Verlust umzugehen, holt ihn aus Wuppertal nach München, um ihm zu zeigen, wie schön das Leben ist. Er lässt ihn bei sich wohnen, zeigt ihm das Münchener Nachtleben und geht mit ihm Segelfliegen. Außerdem macht er ihn mit Laura Melzer bekannt, in die sich Julian sofort verliebt. Sie ist das Stück Himmel, das er kennenlernen darf. „Das war ein schöner Sommer“, urteilt Julian über die Zeit in München, doch geändert hat es nichts.

Julian ist „lebenssatt“ wie er selbst sagt. Am Ende des Films nimmt er sich das Leben. Doch was für den Laien eine Depression ist, sieht Velthaus differenzierter: Julian hat Zwangsneurosen, ist ein „Monk-Typus“, außerdem vermutet die Ärztin einen genetisch angelegten Authismus. „Er ist näher am Tod“, sagte sie, deshalb glaube sie auch nicht, dass er unter Wahnvorstellungen litt, wenn er glaubte, mit der Mutter gesprochen zu haben. „Glücksmomente erleben, kann man von psychisch Kranken lernen“, meinte die Psychologin.
Eine Bootsfahrt auf dem Königssee wird ein viel intensiveres Erlebnis, wenn man die Störfaktoren ausschaltet und genau das können psychisch Kranke oft besser. „Wir – das Filmteam – sind durch Julian darauf gestoßen, wir haben alle durch Julian profitiert“, berichtete Jo Baier, der die Bootsfahrt als das benannte, das das Leben lebenswert macht. Ob das für ein Leben reiche, wollte Wegner-Nord wissen. „Sicherlich nicht, aber man muss nicht immer Glück für ein ganzes Leben erfahren.“

Da stimmte er mit Dekanin Scherf überein, die den Begriff des Glücks tendenziell in der Spaßgesellschaft angeordnet sieht. Dabei ginge ihm dabei ganz viel verloren. „Glück wird auch oft dann empfunden, wenn Schmerz erfahren wird“, weiß die evangelische Seelsorgerin und befindet: „Es ist gut, dass wir Theologen nicht so tun, als würde das Glück vom Himmel fallen“. Auch Gehrmann sieht es als schwierig an, die negativen Dinge auszugrenzen: „Anno verkörpert die Spaßgesellschaft in hohem Maß. Krankheit, Zerbrechlichkeit haben keinen Platz.“ Er als Seelsorger könne nur das Angebot einer Beziehung machen und die ist es auch nach einer amerikanischen Studie, die das Leben lebenswert macht.

Die Psychologin Velthaus kennt die Studie, die die Ursachen für Glück untersucht hat und zu dem Ergebnis kommt, dass Reichtum und Prominenz nicht glücklich machen. Kranke hingegen sind laut dieser Untersuchung oft glücklich. Eine sinnvolle Beschäftigung und eine tragende Beziehung seien die Faktoren gewesen, die dem Glück auf die Sprünge helfen, dabei müsse es noch nicht mal ein Partner sein, auch Freunde und Familie können auf Wolke sieben tragen.

Bild und Text: Marion Körner