19.03.2008 Noch mehr grüne Engel – Besuchsdienst-Ausbildung beendet – Ehrenamtliche in Heppenheim, Seeheim und Lorsch

In Rock und Twinset sitzt die 83-Jährige auf einem Sessel im Altenpflegezentrum in Seeheim. Sie trägt eine Brille, doch was um sie herum geschieht kann sie nicht sehen, denn sie ist sehr plötzlich erblindet. Erst seit drei Monaten ist sie im Seniorenheim. Sie kann die Geräusche nicht zuordnen, die um sie erzeugt werden, sie kennt keine Wege und ist isoliert. Wenn Era Orf ins Altenpflegezentrum kommt, ändert sich das für eine kurze Zeit. Era Orf ist eine von acht Frauen und einem Mann, die seit vergangenem Wochenende den Kurs "Ehrenamtliche in der Besuchsseelsorge" des Evangelischen Dekanats Bergstraße abgeschlossen haben. Schon während der halbjährigen Ausbildung hat die Lehrerin aus Seeheim die 83-Jährige besucht und will dies auch weiterhin machen.

In dieser Zeit findet die blinde Frau mit den kurzen grauen Haaren die notwendige Unterstützung für einen Spaziergang. Sie unterhält sich gerne mit ihrer Besucherin, die ihr schon jetzt vertraut ist. Die anderen Bewohner können der stets gut gekleideten Dame nicht helfen, es wäre zu gefährlich, wenn sie sich miteinander auf den Weg machten.

Zusammen reden oder unterwegs sein, ein bisschen Geborgenheit, Sicherheit und Abwechslung geben – das gefällt Era Orf. „Ich wollte mich gerne engagieren und es gibt mir auch viel zurück.“. Das Angebot des Evangelischen Dekanates Bergstraße, Ehrenamtliche für den Besuchsdienst auszubilden fand sie in der Zeitung. Der Kurs dauerte ein gutes halbes Jahr. In Theorie und Praxis haben die neun Teilnehmer vieles mit auf den Weg bekommen. An dreizehn Abenden und zwei Tagen traf sich die Gruppe unter der Leitung von Pfarrerin Silke Bienhaus und Pfarrerin Barbara Tarnow im Haus der Kirche. Mit Rollenspielen, Vorträgen und der Reflexion eigener Erfahrungen bereiteten sie sich auf die Besuche bei alten und kranken Menschen vor. Das zusätzliche Wochenende im Zentrum Seelsorge und Beratung ist allen in guter Erinnerung. Im Rahmen eines Praktikums machten sie seit November in einer Klinik oder einem Altenheim erste Erfahrungen mit Besuchen.

Pfarrerin Tarnow ist Koordinatorin für Alten-, Kranken- und Hospizseelsorge sowie der Notfallseelsorge. Schon vor vier Jahren bot sie einen ähnlichen Kurs an. Drei von ihnen sind noch immer regelmäßig im Einsatz. Auch die neun vom diesjährigen Kurs sind hoch motiviert. „Ich hab Zeit und wollte schon immer so etwas tun. Es ist in gewisser Weise auch ein Ausgleich“, erklärt Michael Meyer, der Jüngste und der einzige Mann unter den Teilnehmern. Mit Ausgleich meint er die Abwechslung zur Arbeit, denn der 28-jährige Familienvater ist Chemikant.

Gemeinsam mit Christa Voß will Meyer jetzt einen Besuchsdienst an der Chirurgisch-Orthopädische Fachklinik in Lorsch ins Leben rufen. Neben der Begleitung durch Pfarrerin Bienhaus soll es dann auch hier „Grüne Engel“ geben: So nennen die Patienten oft die Ehrenamtlichen. Aus christlicher Überzeugung und der Bereitschaft zu sozialem Engagement heraus besucht auch Albertine Ringsdorf die Menschen. Die älteste Teilnehmerin sieht die Ausbildung als Ergänzung, denn seit 2004 ist sie in Bensheim im Hospizdienst tätig.
Der seelsorgliche Besuchsdienst bietet Menschen im Altenheim und Krankenhaus die Möglichkeit, ihr Herz auszuschütten, Verständnis und Unterstützung in ihrer oft schwierigen Lebenssituation zu erfahren.

Ehrenamtliche im seelsorglichen Besuchdienst bringen Zeit mit. Sie lassen sich auf ihr Gegenüber ein, machen sich eine wenigstens ein Stück gemeinsam auf den Weg “, erklärt Barbara Tarnow. „Die Menschen können dann einfach mal reden“, erklärt Era Orf. Hedi Held ergänzt: „Sie müssen nicht einmal einsam sein oder keine Familie haben, manchmal bedarf es auch einem Außenstehenden, der Dinge aus einem anderen Blickwinkel betrachtet“. Hedi Held ist über den Besuchsdienst „Grüne Damen“ zur Ausbildung Besuchsseelsorge gekommen. „Die Grünen Damen gibt es schon fast so lange wie das Kreiskrankenhaus selbst“, berichtet Pfarrerin Bienhaus. Die Idee des Besuchsdienstes stammt aus den USA. Dort hieß der Voluteer Service die „Pink Ladys“. Aus der Farbe pink ist grün geworden, aber die Sache ist die gleiche: Menschen, die sich ehrenamtlich an die Betten von Kranken und Alten setzten, um ihnen zuzuhören oder zu helfen. Inzwischen gibt es bundesweit rund 11.000 „grüne“ Mitarbeiter, die in mehr als 700 Krankenhäusern und Altenheimen tätig sind.

Bild und Text: Marion Körner