19.02.2008 Notfallseelsorge: Personenkult als Weg in die Zukunft

Ingmar Neserke sorgte für gute Stimmung in der Heppenheimer Christuskirche: Rhythmisches Klatschen, laute Ingmar-Rufe, hysterisches Kreischen bei den Frauen unter 50 und den Schlachtruf „Ingmar muss Bischof werden“ - instruierte Ingmar Neserke das Publikum. So gefeiert, wiederholte er seinen Auftritt und die Besucher in der Heppenheimer Christuskirche waren lernfähig. Wie gefordert waren die Reaktionen. Das Ganze hatte natürlich auch seinen Sinn. Wenn die evangelische Kirche „fit für die Zukunft“ werden wolle, so erklärte der Kirchenkabarettist, muss sie sich ein Beispiel an der katholischen Kirche nehmen und mehr Personenkult betreiben.

Das ließen sich die Gäste, Pfarrer und Kirchenvorstände, die überwiegend die Bankreihen der Kirche füllten, nicht zweimal sagen. Nach der Pause klappte das Gekreische, die Hysterie und die Fanrufe schon ganz ohne Anweisung. Ob das nun daran lag, dass sie die Meinung von Pfarrer Ingmar Neserke teilten, die Kirche auf diese Art und Weise fit für die Zukunft zu machen, ob einfach die Begeisterung um das Programm mit Ihnen durchging, wird ein Geheimnis bleiben.

Bei den Gesprächen in der Pause wurde aber deutlich, dass der junge Pfarrer den Humor seines Publikums traf, die Geschichten, die er erzählte einen wahren Kern haben und seine Musik durchaus Gefallen fand. Denn Ingmar Neserke hat am Freitag mit Gitarre und Stimme für Christlich Satirische Unterhaltung gesorgt. Eingeladen hat die Notfallseelsorge Bergstraße zu diesem Event. Die Notfallseelsorge wird vom Rettungsdienst, der Polizei oder Feuerwehr gerufen, wenn etwas Schlimmes geschieht wie ein plötzlicher Tod zu Hause oder ein Verkehrsunfall. Wenn Menschen in seelische Not geraten, sind die Notfallseelsorger zur Stelle und begleiten sie in der Akutphase. Durch Zuwendung und Beratung helfen sie in der Schocksituation über die ersten schrecklichen Stunden hinweg, indem sie mit den Betroffenen sprechen, den Abschied von Verstorbenen gestalten, trösten, Angehörige verständigen und notwendige Schritte einleiten.

Am Freitagabend hatten die Männer und Frauen einen angenehmeren Einsatz: sie verkauften Eintrittskarten, Getränke und Brezel und Pfarrerin Barbara Tarnow begrüßte die Gäste. Sie vergaß auch nicht der Christus-Kirchengemeinde zu danken, die der Notfallseelsorge die Kirche und die Technik kostenlos zur Verfügung stellte. Pfarrerin Tarnow hatte aber noch einen weiteren – nicht ganz freiwilligen – Einsatz. Kurzerhand wurde sie gemeinsam mit Pfarrerin Andrea Fröhlich Bestandteil von Neserkes Programm. Die beiden Pfarrerinnen bekamen von ihrem Kollegen goldene Flügel verpasst und wurden zu den Engeln auf Raffaels Sixtinischer Madonna, die definitiv protestantisch sein müsse. Raffaels Madonna hat nämlich etwas von Angela Merkel, befindet Neserke und komponierte eine Hymne auf Angela: „Du weißt, Deutschland kann ihr trauen – Madonna, Lichtfigur! Denn sie ist nicht wie andre Frauen, die uns täuschen mit Schminke und Frisur.“

Mit den Politikerinnen hat es der Kirchenkabarettist, der früher mit politischen Programm auf der Bühne stand. „So ist's immer gewesen, so wird es immer sein: Ich: Adam, Du: Eva – ich: Tarzan, Du: Jane“, lautet sein Liebeslied für Karin Wolff. Bei diesem Beitrag traten auch wieder feine Wortspiele zutage. Über die Bildungspolitik - „das einzig Wahre war Steiner“ - kam er auf die Familienministerin und das eigentliche Problem Deutschlands zu sprechen, den Mangel an Kindern, aber der sei nicht wirklich ein Problem schließlich habe die Ministerin sieben Kinder und wer keine habe, könne sich sicherlich eines „von der Leyen“.

Die Themen am Freitag reichten von seinem Dasein als Pfarrer, über die aktuelle Politik bis hin zu innovativen Ideen für Pfarrer und die Kirche. So zum Beispiel die Zielgruppengottesdienst. „Schönen guten Tag, meine Damen und Herren! Es begrüßt Sie ihr Flugkapitän Ingmar. Wir bitten Sie während der Eingangsliturgie sitzen zu bleiben“, könnte eine Messe für Vielflieger beginnen.

Auch die etwas makabere Überlegung sich selbständig zu machen, gefielen dem Publikum. Einen starken Partner habe er schon gewonnen und zeigte den Katalog eines bekannten schwedischen Möbelherstellers. Der Slogan zur Halbierung der Beerdigungskosten sei auch schon gefunden: „Lebe hoch drei – sterbe durch zwei“ und die persönliche Bindung, die das Unternehmen an Möbel durch die Namensgebung erzeuge, sei auch bei Särgen ein hervorragender Gedanke. Da habe „die Oma nicht mehr so viel Angst vorm Sterben“.

Die Eigenarten der Pfarrer, strapazierten vor allem die Lachmuskeln der Kirchenvorstände, denn die meisten erkannten ihren in irgendeinem Vorurteil wieder und bei der geforderten Zugabe kamen dann wieder alle auf ihre Kosten, denn die Telekom diente als Vorbild für die göttliche Hotline der Evangelischen Kirche Deutschland 0180 24 12 und wer wissen will, wie das aussehen könnte, sollte Ingmar Neserke unbedingt live erleben. Die Termine gibt es auf seiner Homepage www.ingmar-neserke.de.

Bild und Text: Marion Körner
Das Bild zeigt Pfarrerin Andrea Fröhlich und Pfarrerin Barbara Tarnow als Engel des Raffael Gemäldes „Sixtinische Madonna“ beim Auftritt von Ingmar Neserke in der Heppenheimer Christuskirche