15.11.2007 Jugenheim: Verschweigen oder Kämpfen – Ein Pfarrer und seine Gemeinde im Kirchenkampf 1933 bis 1945“

Marianne Lebrecht liest aus ihrem Buch über den Widerstand ihres Vaters
und der Bekenntnisgemeinde Groß-Zimmern am Donnerstag, 15. November. Pfarrer Heinrich Lebrecht aus Groß-Zimmern war nach nationalsozialistischer Ansicht „nicht-rein-arischer Abstammung“ und wurde von den Nationalsozialisten amtsenthoben. Evangelische Gemeindemitglieder in Groß-Zimmern traten in großer Zahl der „Bekennenden Kirche“ bei und stärkten ihrem Pfarrer den Rücken.

Es waren nicht nur Pfarrer, die sich im Kirchenkampf engagierten, auch evangelische Gemeindemitglieder traten der „Bekennenden Kirche“ bei und stärkten ihren Pfarrern den Rücken. Dies verdeutlicht die Geschichte von Pfarrer Heinrich Lebrecht aus Groß-Zimmern, der nach nationalsozialistischer Ansicht „nicht-rein-arischer Abstammung“ war.

Lebrecht kritisierte im Jahr 1934 in seinem wöchentlich erscheinenden „Sonntagsgruß“ die Vorstellung, dass Jesus ein Arier sei und die arische christliche Religion durch Paulus „verjudet“ worden sei. In einer späteren Ausgabe des „Sonntagsgrußes“ informierte er darüber, dass ihm im Auftrag des Landesbischofs mitgeteilt worden sei, dass die Verlesung der "Botschaft der Bekenntnissynode" im Gottesdienst die Amtsenthebung nach sich ziehe. Bereits eine Woche später teilte er seiner Gemeinde mit: „Am Samstag, 3. November um 11.45 Uhr, bekam ich die fernrufliche Nachricht, dass ich meines `Amtes´ enthoben sei.“ Sein Sohn Karl Albrecht berichtet Jahrzehnte später, dass die Suspendierung auf Bestreben des Bürgermeisters und des Schulrektors erfolgt sei.

Als der neue Pfarrer, der den Deutschen Christen angehörte, die Amtsgeschäfte in Groß-Zimmern übernehmen wollte, blieb ihm die Kirche versperrt: Der Küster gab die Kirchenschlüssel nicht heraus. Daraufhin reiste der Ersatz-Pfarrer ab. Der Kirchenvorstand beschloss kurz darauf, dass er es ablehne, in den eigenen Räumen einen Pfarrer amtieren zu lassen, der „gegen den Willen des Kirchenvorstandes an Stelle des Pfarrers Lebrecht .... bestimmt werden sollte.“ Am Sonntag, 4. November, holte der Kirchenvorstand Pfarrer Lebrecht im Pfarrhaus ab, zog mit ihm in die Kirche ein und nahm auf beiden Seiten des Altars Platz. Die Gemeinde war so zahlreich erschienen, wie seit langem nicht mehr. Pfarrer Lebrecht schrieb dazu, dass es für ihn sehr stärkend gewesen sei, „dass die Herren des Kirchenvorstandes sich so klar und sich selbst vergessend für die Sache der Bekennenden Kirche eingesetzt haben.“

Obwohl die Pfarrstelle Groß-Zimmern eine „Unabkömmlichkeits-Stelle“ war, wurde Pfarrer Lebrecht zur „Organisation Todt“ eingezogen, die kriegswichtige Bauarbeiten im Deutschen Reich und im besetzten Europa durchführte. Am 5. Februar 1945 teilte der zuständige Oberfeldarzt mit, dass der Pfarrer an einer Wundrose in Folge eines Bombenangriffs gestorben sei. Doch den Sohn plagten angesichts der Exhumierung seines Vaters im Jahr 1953 Zweifel: „Das rechte Schulterblatt schien gedrückt, drei Rippen rechts gequetscht – durch Schlag oder Druck? Die Goldzähne fehlten.“ Im Hinblick auf diese Ungereimtheiten erklärte das Bundesarchiv Koblenz 1980, dass nach einer Entscheidung des „Führers“ die nicht wehrpflichtigen Halbjuden zu Arbeitsbataillonen im Rahmen der „Organisation Todt“ eingezogen wurden. Weiterhin heißt es: „Die Lager waren von Stacheldrahtzäunen umgeben und die Lagerinsassen bewacht. Die Behandlung dieser Zwangsarbeiter war in weitgehendem Maße von der Person des jeweiligen Lagerleiters abhängig.“

Marianne Lebrecht liest aus ihrem Buch über den Widerstand ihres Vaters und der Bekenntnisgemeinde Groß-Zimmern am Donnerstag, 15. November 2007, 19.00 Uhr. Zuvor gibt es ein Friedensgebiet mit Pfarrer Gerhard Hechler im Evangelischen Gemeindehaus in Jugenheim, in der Lindenstraße 6. Der Eintritt ist frei.


Text: Pfarrer Gerhard Hechler/Presseabteilung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau
Bild: Privatbesitz Lebrecht