17.06.2009 "Eine Richtungswahl für die Gemeinden" - noch vier Tage bis zur KV-Wahl


Über 1,5 Millionen evangelische Christinnen und Christen in den Gemeinden der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau (EKHN) sind am 21. Juni 2009 zur Wahl neuer Kirchenvorstände aufgerufen. Sie sind das oberste Leitungsgremium einer Gemeinde. Doch was und worüber haben sie eigentlich zu entscheiden? Nachgefragt beim Präses des Evangelischen Dekanats Bergstraße, Axel Rothermel.

Ohne Kirchenvorstand könne sich in einer Gemeinde im Grunde nicht viel bewegen, meint Axel Rothermel. „Wer im evangelischen Kindergarten angestellt wird, ob für Jugendgruppen Gemeinderäume zur Verfügung gestellt werden oder wie viel Geld für die Arbeit mit Kindern oder Senioren zur Verfügung steht, all das entscheidet nicht die Pfarrerin oder der Pfarrer, sondern der örtliche Kirchenvorstand“, erläutert der Präses.  Die Wahl sei damit richtungsweisend für jede einzelne Gemeinde. Nur wer sein demokratisches Recht wahrnimmt, kann die Richtung, die die jeweilige Kirchengemeinde in den nächsten sechs Jahren einschlägt, mitbestimmen“, so Axel Rothermel.


 


Präses Rothermel - so kennt man ihn!


„Glaube ist besser als Geld“
Der Kirchenvorstand wird von allen Kirchenmitgliedern gewählt, die am Wahltag 14 Jahre alt sind und mindestens drei Monate der Gemeinde angehören. Das heißt, an der Kirchenvorstandswahl können im Gegensatz zur Europa,- Bundes- oder Landtagswahl auch Jugendliche unter 18 teilnehmen. Präses Rothermel weist auf einen weiteren Unterschied hin: „Für den Kirchenvorstand bewerben sich keine Parteien und im Kirchenvorstand gibt es keine Fraktionen“. Jeder einzelne könne für ein neues Projekt die Initiative ergreifen oder für Sachfragen konstruktive Lösungen vorschlagen. „Glaube ist besser als Geld, denn Geld ist begrenzt“, betont der Präses und fügt hinzu: „Daran zu glauben, selbst etwas bewegen und verändern zu können,  setzt ungeahnte Kräfte frei“. Es gehe nicht darum, in den Gemeinden die Folgen der Wirtschaftskrise zu verwalten oder über die Finanznot zu lamentieren. Jeder einzelne Kirchenvorstand könne vielmehr Signale für einen Aufbruch setzen. So hätten Kirchenvorstände  in ihrer Gemeinde z.B. ein soziales Netzwerk geknüpft, einen Besuchsdienst für ältere Menschen aufgebaut oder einen Krabbelgottesdienst für Kleinkinder und ihre Eltern ins Leben gerufen.

 „Die Arbeit im Kirchenvorstand macht Spaß, kostet aber auch Zeit“,  räumt Axel Rothermel ein. Dabei gelte aber das christliche Prinzip: „Jeder trage des anderen Last“. Das sei insbesondere für den Wahlzeitraum von sechs Jahren wichtig, „Es ist eine lange Periode. Niemand werde deshalb schief angeguckt, wenn man sich in einer Phase nicht oder nur wenig engagieren kann.“ Der Kirchenvorstand ist ein Gremium mit weitreichender Entscheidungsbefugnis.  Er  vertritt die Gemeinde in geistlichen und rechtlichen Fragen, er wählt die Pfarrerin oder den Pfarrer, er ist gemeinsam mit haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden für das Gemeindeleben verantwortlich, er beschließt den Haushalt und er verwaltet das Vermögen.


Doch er kann auch anders!
Der Präses beim Plakatkleben für die KV-Wahl

„Nur wer wählen geht, kann mitentscheiden.“
In den Kirchenvorstandswahlen kommt das demokratische Prinzip der Evangelischen Kirche zum Ausdruck, die sich von unten aufbaut. Denn die gewählten Kirchenvorstände entscheiden ihrerseits über die Zusammensetzung der Dekanatssynode, die dann Delegierte in die Landessynode schickt. Dieses oberste Organ der EKHN wählt die Mitglieder der Kirchenleitung und den Kirchenpräsidenten. „An der Basis, bei den Kirchenvorstandswahlen in den Gemeinden wird damit die Grundlage dafür gelegt, was oben in der Gesamtkirche passiert“, betont Präses Rothermel.

Das Evangelische Dekanat Bergstraße zwischen Seeheim im Norden, Viernheim im Süden, Einhausen im Westen und Affolterbach im Osten hat 34 Gemeinden mit rund 75.000 Mitgliedern. Einen Spitzenplatz erreichte bei der letzten Wahl vor sechs Jahren die Gemeinde Beedenkirchen. Dort lag die Wahlbeteiligung  2003 bei  61,2 Prozent – so hoch wie nirgendwo sonst im Dekanat.  Beedenkirchen will diesen Rekord am kommenden Sonntag verteidigen. Präses Rothermel: „Wir wünschen uns, dass  viele von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. Denn nur wer wählen geht, kann auch mitentscheiden. Je höher die Wahlbeteiligung ist, desto breiter ist die demokratische Legitimation von Kirchenvorständen.“

Die EKHN hat die Wahlbenachrichtigungskarten versandt. Sie weist darauf hin, dass man auch ohne Vorlage der Wahlbenachrichtigungskarte wählen kann. Ein Personalausweis genügt.

Text und Fotos: bet