12.05.2009 Frauen im Pfarramt - EKHN trifft vor 50 Jahren richtungsweisende Entscheidung


Vor  50 Jahren hatte die Synode der Evangelischen Kirchen Hessen und Nassau (EKHN)  eine richtungsweisende Entscheidung gefällt: ein Amt, das bislang ausschließlich Männern vorbehalten war, wurde Frauen zugänglich. Sie durften Gemeindepfarrerin werden. Im Dekanat Bergstraße dauerte es aber noch 20 Jahre, bis die erste Frau als Gemeindepfarrerin eingeführt wurde.

Mit der Bekanntgabe auf der Seite 36 im Amtsblatt der EKHN, Nr. 13 aus dem Jahr 1979 wurde es offiziell: mit Wirkung vom 1. Dezember 1979 wurde Pfarrerin Irmela Hage zur Inhaberin der Pfarrstelle in Hähnlein ernannt. Damit war sie im damaligen Dekanat Zwingenberg die erste Gemeindepfarrerin. Im Dekanat Rimbach war es Beate Schwenk, die am 1. September 1993 zur Pfarrerin der Christuskirchengemeinde Viernheim ernannt wurde, wo sie heute noch tätig ist. Im Jahr 2006 fusionierten beide Dekanate zum Evangelischen Dekanat Bergstraße.

Auch wenn eine Frau im Talar für manche gewöhnungsbedürftig war, in Hähnlein war Pfarrerin Hage (Bild Mitte) schnell akzeptiert. Als Predigerin und Seelsorgerin war sie geschätzt. Viele Gemeindemitglieder erinnern sich an ihre sanfte, aber eindringliche Stimme „Was sie predigte, hat man behalten“, sagt ihre Schwägerin Rosemarie Stein. Doch mitunter wurde der „kleine“ Unterschied deutlich. Bei einer Feier hatte die Pfarrerin ein Glas Wein getrunken und es  gewagt, eine Zigarette zu rauchen. Das war für einige unerhört und machte schnell  im Ort die Runde („Hast Du gehört…?“) Ein Wein trinkender und Zigarette rauchender Pfarrer hätte vermutlich weniger Gesprächsstoff hergegeben. Irmela Hage starb 2007 im Alter von 63 Jahren.
Für die Akzeptanz von Frauen im Pfarramt waren die 70er Jahre entscheidend, meint die frühere Pfarrerin von Ober-Beerbach, Ute Doerger. „Nicht nur weil in dieser Zeit viele Frauen ordiniert wurden, es gab auch eine Solidarität unter den Frauen.“ Es wurden Pfarrerinnengruppen gebildet, es gab gegenseitige Unterstützung, auf Tagungen wurden Forderungskataloge gestellt. Die Pfarrerinnen meldeten sich in den 70ern hörbar zu Wort.
Davon konnte in den 60er Jahren noch keine Rede sein. Pfarrerin Inge Volp aus Lindenfels hatte geheiratet und 1960 ihr erstes, 1964 ihr zweites Kind bekommen. Damit war ihr der Weg ins Pfarramt versperrt. Denn zunächst (bis 1969) durften nur Unverheiratete Gemeindepfarrerin werden. Inge Volp wurde Religionslehrerin. „Ich bin nie gefragt worden, ob ich in eine Gemeinde gehen will. Die Kraft, dafür zu kämpfen, hatte ich damals nicht“, sagt die heute 84jährige. Im Dekanat engagierte sie sich unter anderem im Dekanatsfrauenausschuss. „Ich habe später immer die jungen Frauen bewundert, mit welchem Mut und mit welchem Selbstbewusstsein sie ins Pfarramt gehen.“

Pfarrvikarinnen hat es zwar schon früher gegeben, doch 1993 wurde Beate Schwenk  in Viernheim die erste Inhaberin einer Gemeindepfarrstelle im damaligen Dekanat Rimbach. Zu dieser Zeit war es schon weitgehend selbstverständlich, dass Frauen den Talar tragen, dass Frauen predigen, dass Frauen eine Gemeinde leiten. „Der Anfang war nicht leicht“,  sagt Beate Schwenk (Bild unten), „doch Ablehnung habe ich nicht gespürt“. 

Noch ganz andere Erfahrungen hatte die Pfarrvikarin Gisela Holler machen müssen. Sie kam als Theologin in der praktischen Ausbildung 1970 nach Gorxheimertal, das damals noch zur evangelischen Gemeinde Birkenau gehörte.  „Der damalige Birkenauer Gemeindepfarrer war reserviert gegenüber Frauen im Pfarramt, “ erinnert sich Alt-Dekan Helmut Steigler. Hinzu kam, dass auch die Evangelischen in Gorxheimertal mit der Vikarin nicht warm wurden. „Sie war aus Hamburg gekommen. Die Lebensgewohnheiten passten nicht zusammen. Die Chemie stimmte einfach nicht“, meint Professor Heinz Ufer, der 22 Jahre Präses des Dekanats war. “Wir wollten Frauen im Pfarramt, aber im Grunde waren wir es nicht gewohnt,  wie wir mit Frauen im Pfarramt umgehen. “ Die Pfarrvikarin hatte sich nach ihrer Zeit in Gorxheimertal  ganz vom Gemeindepfarramt verabschiedet. Sie ging später in die Krankenhaus-Seelsorge.

Heute sind im Evangelischen Dekanat Bergstraße 34 Pfarrer und 18 Pfarrerinnen tätig. Nach Ansicht von Dekanin Ulrike Scherf sind Frauen im Pfarramt inzwischen sehr gut akzeptiert. „Allerdings besteht bei Besetzungen von Pfarrstellen dann ein Unterschied, wenn es in einer Gemeinde bereits eine Pfarrerin gibt. Dann wird seitens der Kirchenvorstände oft gewünscht, dass ein Mann als Kollege kommt. Anders herum geschieht dies kaum“, meinte Ulrike Scherf, die in der Propstei Starkenburg die erste und bislang einzige Dekanin ist.

Ausnahme ist die evangelische Gemeinde Lorsch, wo es heute zwei Pfarrerinnen gibt. Neben Katja Hennings, die dort bereits seit 1987 tätig ist,  wurde Uta Voll Gemeindepfarrerin in Lorsch. An ihrer Einführung hatten auch Pröpstin Karin Held und Dekanin Ulrike Scherf teilgenommen. Als Pröpstin, Dekanin und die beiden Gemeindepfarrerinnen sich im schwarzen Talar für ein Foto aufstellten,  rief eine Frau scherzhaft: „Ja, gibt es denn in unserer Kirche keine Männer mehr!“ Wenn vier Pfarrer im Talar nebeneinander gestanden hätten, wäre wahrscheinlich niemand auf die Idee gekommen, zu fragen, ob es denn in dieser Kirche keine Frauen mehr gebe.

Das Foto ganz oben zeigt Pfarrerin Irmela Hage aus Hähnlein mit dem Konfirmandenjahrgang von 1983

Text: bet
Fotos: privat und bet

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 


 

 

 

 

 

 

 


 

 

 








Bilder oben: Posaunenchor Schlierbach (links); Dekanin Scherf, Präses Rothermel (Bergstr.), Dekan Geil, stellv. Präses Lohmann (Ried)
Bilder Mitte: Evangelische Kantorei Bensheim (links); Erika Ritter, Präses Axel Rothermel, Dekanin Ulrike Scherf (rechts)
Bilder unten: Prof. Dr. Peter Scherle (links): Karin Held, Pröpstin Starkenburg (rechts)

Bilder: bet