27.04.2009 Woche für das Leben - Fitnesstrend auf dem Prüfstand


Ist der Fitness-Trend zu einer Ersatzreligion geworden? Ist der Lauf-Treff am Sonntagmorgen der Kult von heute und der Gottesdienst zur gleichen Zeit der Kult von gestern? Nach Untersuchungen besuchen inzwischen mehr Menschen Fitness-Studios als Kirchen. Das Evangelische Dekanat Bergstraße und die drei katholischen Dekanate Bergstraße-Mitte, -West und -Ost wollten bei einer gemeinsamen Veranstaltung in der ökumenischen Woche für das Leben Licht und Schatten des Fitness-Trends aufspüren.

„Wer fit lebt, stirbt gesünder“- so provokativ das Motto der Veranstaltung auch war, die Teilnehmer der Podiumsdiskussion waren sich weitgehend einig. Sport ist wichtig und richtig, nur übertreiben sollte man es nicht. Der katholische Dekan Thomas Groß ist in Sachen Fitness im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Laufenden. Er ist Marathonläufer und hat die 42 Kilometer unter anderem schon erfolgreich in Frankfurt und New York absolviert. „Der Marathon-Lauf hat für mich religiöse Aspekte. Ich laufe ganz bewusst. Es ist eine meditativ-besinnliche Zeit, in der das Telefon nicht klingelt und mich niemand stört“, meinte der katholische Dekan. Er betonte zugleich, dass für ihn nicht Gesundheit, sondern der Glaube das höchste Gut sei.  Auch für den Moderator der Podiumsdiskussion Dietmar Burckhard von der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) ist Sport Teil religiöser Erfahrung. Er hat das 52. Lebensjahr hinter und seinen ersten Marathon vor sich.

Die Sportlehrerin und siebenfache Tanzweltmeisterin Ulrike Hesemann-Burger bekannte: „Sport ist mein Leben. Im Tanzen habe ich Verwirklichung gefunden.“ Vor neun Jahren hatte sie mit dem Leistungssport aufgehört. Zuvor hatte sie nach eigenen Angaben vier- bis fünfmal pro Woche trainiert. Heute arbeitet sie als Sportlehrerin am katholischen Mädchen-Gymnasium in Bensheim und will Kindern die Freude am Sport weitergeben und sie dazu befähigen, lebenslang Sport zu treiben. Durch die verkürzte Gymnasialzeit G 8 finde aber immer mehr Unterricht nachmittags statt, das gehe zu Lasten des Sports und der Vereine, bedauerte Ulrike Hesemann-Burger.

Der Diplom-Sportwissenschaftler Matthias Heuberger trimmt in einem kommerziellen Fitness-Studio, dem Sportpark Heppenheim, die zahlende Kundschaft, die dort an 365 Tagen im Jahr von morgens bis fast Mitternacht ihre Körper auf Vordermann bringen kann. Die meisten Besucher des Fitness-Parks wollten nur Sport machen, etwas für ihre Gesundheit tun und sich dadurch körperlich wohler fühlen, sagte Matthias  Heuberger. „Es gibt natürlich Ausnahmen. Einzelne haben nichts anderes mehr im Kopf als stundenlang auf den Geräten herumzuturnen“.  Bei Verdacht, dass ihre sportliche Betätigung ungesund und zur Sucht werden könnte, rät Matthias Heuberger den Betroffenen, einen Arzt oder Therapeuten aufzusuchen. In Einzelfällen hatte der Sportpark Gästen sogar Hausverbot erteilt.

Der Vorsitzende des Vereins zur Bewegungsförderung in Heppenheim und Vorsitzender des Hessischen Behinderten- und Reha-Sportverbandes, Gerhard Knapp, forderte dazu auf, beim Sport die Schwächeren nicht auszugrenzen. „Wir haben bei uns eine 87jährige, die Wasser-Gymnastik macht. Sport kann man in jedem Alter betreiben“. Sein Verband fördert nicht nur den Gesundheits- und Rehabilitationssport, sondern auch den Leistungsport von Menschen mit Behinderung, die zum Beispiel an den Paralympics, den Olympischen Spielen für Sportler mit körperlicher Behinderung teilnehmen.

Die Diskussion um den Fitness-Trend wurde dreimal durch Filme unterbrochen, die evangelische und katholische Jugendliche produziert hatten. In einer Filmsequenz machten Konfirmandinnen und Konfirmanden der Heilig-Geist-Gemeinde in Heppenheim deutlich, dass ihre Hauptbetätigung aus Sitzen besteht - in der Schule wie zu Hause bei den Hausaufgaben. In einem zweiten Film interviewten Jugendliche Fußball-Trainer eines Heppenheimer Amateurvereins. Sie erklärten, dass bei der Mannschaftsaufstellung das Leistungsprinzip gelte und die Stärkeren den Vorzug erhielten. In einem dritten Film der Katholischen Jugend in der Heppenheimer Gemeinde „Erscheinung des Herrn“ ging es um die Frage, ob Fitness tatsächlich Religionsersatz ist oder nicht doch beides miteinander verbunden werden kann.

Was auf dem Podium oder unter den rund 50 Besuchern der Veranstaltung im WICOM-Forum Heppenheim fehlte, war ein bekennender Sportmuffel, ein „couch potato“ mit stolzem Bierbauch, der die Überzeugung vertritt,  auch ohne Sport glücklich und zufrieden leben zu können. So blieb die Feststellung von Dekan Thomas Groß unwidersprochen: „Sich bewegen ist genauso wichtig wie das tägliche Gebet“.

Das Foto zeigt von links nach rechts:
Ulrike Hesemann-Burger (Tanz-Weltmeisterin), Thomas Groß (kath. Dekan), Moderator Dietmar Burckhard (EKHN-Öffentlichkeitsarbeit), Matthias Heuberger (Sportpark Heppenheim), Gerhard Knapp (Hessischer Behinderten- und Reha-Sportverband)

Text u. Foto: bet