03.04.2009 Der Kreuzdenker


Rund  75.000 evangelische Gemeindemitglieder leben im Dekanat Bergstraße. Einer von ihnen ist Heinrich Tischner. Er ist ein sprachbegabter und sprachversierter evangelischer Pfarrer im Ruhestand, der seine Homepage (www.heinrich-tischner.de) als „Dienst am Menschen“ betreibt. Im Internet verteilt er kostenlose Gutscheine für Sprachberatung, Lebensberatung, religiöse Beratung und Übersetzungen.

Der 66jährige beherrscht wie viele Theologen Lateinisch, Altgriechisch und Althebräisch und übersetzt auf Anfrage Texte aus und in diese alten Sprachen. Doch auch vor Alt-Indisch oder Armenisch schreckt er nicht zurück ebenso wenig wie vor Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch und – ganz wichtig – Südhessisch. Zu seinem Sprachdienst gehört auch, nach der Herkunft und ursprünglichen Bedeutung eines Wortes zu suchen. Das hat er z.B. bei „Borzenellen“ getan,  einer  im 19. Jahrhundert im Südhessischen gebräuchlichen Bezeichnung für Kasperle-Theater. „Dieses Wort geht auf das italienische „pulcinella“ zurück – einer komischen Figur aus der Commedia dell’arte“, erläutert Heinrich Tischner.

Von  1970 bis 2002 war Heinrich Tischner als Gemeindepfarrer tätig – zuletzt in Gernsheim im Nachbardekanat Ried. Bis zu seinem Ruhestand spielten für ihn Computer und Internet keine Rolle. Als Alterswohnsitz hatte er sich für Bensheim im Dekanat Bergstraße entschieden. Dort erst nutzte er die Möglichkeiten des Internets. Einer seiner vier Kinder hat ihn anfänglich dabei unterstützt, die Homepage zu gestalten und zu programmieren. Das meiste aber hat er sich selbst beigebracht. „Der Kreuzdenker“ nennt er sein Web-Magazin mit dem Beratungsservice. Anfragen beantwortet er bereitwillig und gern – sofern sie halbwegs klar formuliert und umrissen sind. Vor einigen Tagen erhielt er eine E-Mail. Der Absender wollte nicht etwa eine Zwillingsformel wie „Saus und Braus“ erläutert haben, er wollte „alles“ über Zwillingsformeln wissen. „Ich habe zurückgeschrieben, dass ich es etwas konkreter schon wissen müsste“, erklärt Heinrich Tischner.

Denn für jede Antwort investiert er Stunden Arbeit – mitunter sitzt er ein ganzes Wochenende an einem kniffligen Problem. „Ich arbeite akribisch und überprüfe jede Kleinigkeit“, versichert der Pfarrer im Ruhestand. „Ein Perfektionist bin ich aber nicht. Ich kann mit Unvollkommenheiten leben“. Ihm unterläuft  mitunter auch mal ein Fehler. Er versucht aber, die Fehlerquellen zu minimieren. Seine Ehefrau Ingrid ist seine erste Leserin. Jeder Artikel, den er zum Beispiel für die Evangelische Sonntagszeitung oder für die Sprachecke im  Feuilleton des Darmstädter Echo schreibt, wird von ihr geprüft und gegebenenfalls korrigiert.

Auch im Ruhestand ist Heinrich Tischner Seelsorger geblieben. Einige, mit denen er im E-Mail-Kontakt steht, vertrauen sich ihm an, teilen ihm ihre Lebensgeschichte, ihre Sorgen und Nöte mit. Das beschränkt sich nicht auf Evangelische. Auch eine muslimische Doktorandin oder eine Katholikin suchten bei ihm Rat und Trost. Heinrich Tischner versichert: „Verschwiegenheit ist garantiert. Ich bin auf Seelsorgegeheimnis, Datenschutz  und Postgeheimnis verpflichtet.“ Die Beratung erfolgt schriftlich per E-Mail. Anfragen beantwortet er umgehend. Nach seiner Antwort wird die Mail des Ratsuchenden gelöscht und die Adresse nicht gespeichert. Auf telefonische Seelsorge muss Heinrich Tischner verzichten. Er ist schwerhörig.

Auf seiner Homepage findet sich auch ein eigenes etymologisches Wörterbuch, das er ständig erweitert. Dort erfährt man zum Beispiel, dass das germanische Wort Gott nicht irgendein Wesen bezeichnet. Übersetzt werden kann es mit „Gegenstand der religiösen Verehrung“ oder „das Angerufene“. Doch bei aller Liebe zur Sprache beteuert Heinrich Tischner: „Mein Hauptinteresse ist die Theologie.“ Und er fügt  ein wenig enttäuscht hinzu: „Aber das interessiert ja keinen!“ Dennoch betreibt er nach wie vor theologische Studien. Sein jüngster Aufsatz  geht der Frage nach, warum die Evangelischen nicht an Maria glauben. Auf seiner Homepage hat er den Hinweis platziert: „Dieser Artikel ist nur für evangelische Leserinnen und Leser bestimmt. Ich möchte niemands Glauben gefährden und empfehle den katholischen Mitchristen, diesen Aufsatz nicht zu lesen.“ Davon sollten sich Katholikinnen und Katholiken aber nicht abhalten lassen.  Heinrich Tischner bleibt ganz sachlich. In dem Aufsatz macht er deutlich, dass die biblischen Grundlagen für die Marienverehrung doch recht dürftig sind.


 Text u. Foto: bet