23.09.2009 Kirchenpräsident Dr. Jung: "Gebt den Bauern eine Chance"


Auch im Dekanat Bergstraße sind Bauern gegen die Dumping-Preise für Milch auf die Straße gegangen und haben mit Protestaktionen auf ihre Lage aufmerksam gemacht.  Heute rief der Kirchenpräsident der EKHN, Dr. Volker Jung, in  einem dringenden Appell alle Verantwortlichen in der Agrarpolitik auf: „Gebt den Milchbauern und ihren Familien eine Chance zum Erhalt ihrer Höfe“.

Sie benötigten „jetzt und dringend eine Hilfe, um die aktuellen Folgen der Wirtschaftskrise zu überstehen und damit eine Chance, ihre Betriebe auf die künftigen Rahmenbedingungen des Agrarmarktes einzustellen. Andernfalls gingen bald weit mehr Höfe zugrunde, als im Rahmen des Strukturwandels zu erwarten wäre. Betroffen seien im Gebiet der EHKN insbesondere mittlere Familienbetreibe, die die Hanglagen der Mittelgebirge bewirtschafteten. Jung wies darauf hin, dass deren Arbeit sowohl für die Landschaftspflege als auch für die Ernährungssicherheit Europas gebraucht werde. Wörtlich ergänzte er: „Ihr Ruin wäre auch eine menschliche Tragödie, die das Lebenswerk ganzer Generationen vernichtet.“
Die Referentin für den Ländlichen Raum der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) Dr. Maren Heincke wies darauf, dass es in Deutschland 100.000 Milchbauern gebe, 4000 allein in Hessen. Milch sei in den Mittelgebirgen das Hauptprodukt der Landwirtschaft, dessen Preis infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise massiv gefallen sei. Wörtlich sagte Heincke: „Die EU könnte ihnen helfen die Krise zu überstehen - aber sie tut es nicht.“ Als Folge der EU-Politik rechnet Heincke damit, dass viele Betriebe Pleite gehen, die eigentlich eine Zukunftsperspektive haben. Heincke hält deshalb friedlichen Protest von Milchbauern gegen die aktuelle EU-Milchpolitik für „absolut verständlich“, denn in der vergangenen Woche habe der EU-Agrarministerrat trotz des Einspruches Deutschlands und trotz der Wirtschaftskrise beschlossen, an der Erhöhung der Milchquoten festzuhalten und damit den „extremen Verfall der Erzeugerpreise auf derzeit etwa 20 Cent pro Liter noch zu verstärken“. Ihnen stünden Produktionskosten pro Liter Milch von etwa 35 Cent pro Liter - in Gebirgslagen auch höher - gegenüber. Das, so Heincke, sei „ein klares politisches Signal“. Die EU-Kommission sei „selbst angesichts des akut drohenden Verlustes von Tausenden von Arbeitsplätzen im Milchsektor nicht bereit, ihren Kurs der Liberalisierung und Globalisierung der Agrarmärkte zu korrigieren.“ Dabei könne die EU auf wirksame Instrumente zur Milchmengenregulierung oder auf maßgeschneiderte Hilfen zur Überbrückung der aktuellen Krise zurückgreifen, um die Preise zu stabilisieren. „Noch wäre eine agrarpolitische Kurswende möglich“, mahnt Heincke.

Die derzeitige Politik löse im Milchviehbereich einen Strukturbruch aus, der auch viele eigentlich zukunftsfähige bäuerliche Familienbetriebe in den Ruin treibe, nicht nur die schon als normal empfundenen 3-5 Prozent Höfe, die jährlich aufgegeben würden. Statt der ursprünglich von der EU angestrebten „sanften Landung“ mit Umstrukturierungshilfen befänden sich viele Bauern derzeit im „Totalabsturz ohne Sicherheitsnetz.“ Offenbar beabsichtige die EU jetzt eine rasche Entwicklung, die im kühlen Wirtschaftsdeutsch als Marktbereinigung bezeichnet werde. Schnell sollen wenige große Betriebe entstehen, die auf den globalisierten Weltmärkten konkurrenzfähig sein sollen. Dies gehe nur auf Kosten vieler kleiner Höfe, die dafür weichen müssten. Dabei, so erläutert Heincke, gäbe es sinnvolle Marktinstrumente. Ein Maßnahmenmix könnte vielen Betrieben die Zeit für einen zukunftsfähigen Umbau eröffnen. So habe es die EU mit dem von ihr definierten Ziel einer „sanften Landung“ auch ursprünglich angestrebt.

Wörtlich kritisiert Heincke: „Die derzeitige Krise zeigt die zerstörerischen Folgen einer einseitig neoliberal orientierten Finanz- und Wirtschaftspolitik.“ Dabei lasse die EU wichtige Aspekte außer acht. Die gesamte Gesellschaft werde verlieren, wenn in Mittelgebirgen das Grünland nicht mehr gepflegt werde und wenn aufgrund von großen Monokulturen Pflanzen- und Tierarten in weiten Bereichen verschwänden. Zu berücksichtigen sei auch die Ernährungssicherheit Europas. Ohne eine vitale einheimische Landwirtschaft werde Europa ähnlich wie beim Öl abhängiger von Importen, die nicht unbedingt sicher seien. Deshalb müsse sich die EU am Leitbild „einer multifunktionalen Landwirtschaft orientieren, bei der verschiedene gesellschaftliche Leistungen der Höfe berücksichtigt werden“. Darin könnten Milchviehbetriebe verschiedenen Typs auch in Zukunft ihren Platz finden.

Milchbauern machten die Erfahrung von struktureller Chancenlosigkeit, kritisiert Heincke. „Ihre mühselig erarbeiteten Lebensentwürfe und das Lebenswerk etlicher Generationen drohen zu zerbrechen.“ Darauf reagierten sie mit Gefühlen der Ohnmacht, der Wut und der Verzweiflung. Gegenüber den Agrarpolitikern, Wirtschaftspartnern und landwirtschaftlichen Berufsverbänden empfänden sie einen „brutalen Vertrauensverlust“. Aber auch das Vertrauen in die eigenen Befähigungen gehe in dieser monatelangen psychischen Belastungssituation verlore

Landwirten rät Heincke, zum einen für ihre Interessen im Rahmen der Gesetze und Möglichkeiten zu kämpfen. Zum anderen sollten sie aber eine ehrliche und ruhige Bestandsaufnahme ihrer Betriebssituation vornehmen, eventuell mit professioneller Unterstützung von außen. Auf dieser Basis könne über Möglichkeiten der Einkommensdiversifizierung oder über berufliche Alternativen nachgedacht werden.

Sie wisse, dass „Trostversuche von außen schal und bitter schmecken“. Doch gerade in einem solchen Momenten ohne Zuversicht und Lebensmut könnten „verborgene Kraftquellen wie der Glaube an die beschützende Hand Gottes zum Vorschein kommen“. Das könne helfen, „den Aufbruch in ein ganz anderes und tragfähiges Lebenskonzept zu wagen“.

Adressen von Beratungsstellen für Landwirte in Hessen:

Familie & Betrieb - Ländliche Familienberatung der Evangelischen Kirchen

Elisabeth-Seitz-Straße 16, 34 613 Schwalmstadt-Treysa, Tel 0 66 91 / 2 30 08
Email: lfb.lka@ekkw.de