10.09.2009 Christen wollen´s wissen! Thema "Energieversorgung" - Fragen zur Bundestagswahl (WK Bergstraße)


Noch 17 Tage bis zur Bundestagswahl. Im Gebiet des Evangelischen Dekanats Bergstraße gibt es zwei Wahlkreise. Wir haben Politikerinnen und Politiker der im Bundestag vertretenen Parteien befragt. Nach den Direktkandidatinnen und Direktkandidaten des Wahlkreises Darmstadt-Dieburg folgen jetzt die Kandidatinnen und Kandidaten des Wahlkreises 188 (Bergstraße) heute mit dem Thema "Energieversorgung".

Unsere Frage:
Die Restlaufzeiten von Atomkraftwerken sind umstritten. Sollten die Blöcke Biblis A und Biblis B länger am Netz bleiben als vereinbart? Welche Energieträger favorisieren Sie für die Zukunft?




Dr. Michael Meister (CDU):
Eine Energiepolitik zum Nutzen aller muss sich an einem dreidimensionalen Koordinatensystem ausrichten. Neben Wirtschaftlichkeit und Sozialverträglichkeit ist eine sichere und umweltverträgliche Energieversorgung wichtig. Bei eindimensionalem Vorgehen käme es zu Verzerrungen im Gesamtsystem. Die von meinen Kolleginnen und Kollegen in der Union unterstützte gleichmäßige Entwicklung entlang der drei Achsen wird durch vier energiepolitische Querschnittsaufgaben besonders gefördert: Mehr Wettbewerb,
mehr Energieeffizienz, intensivierte Energieforschung und zielgerichtete
Energieaußenpolitik. Zudem ist ein breiter Energiemix erforderlich: Kein Energieträger wird allen Variablen gleichzeitig gerecht, aber jeder einzelne hat Vorzüge gegenüber den anderen. Die Kernenergie ist ein vorerst unverzichtbarer Teil in einem ausgewogenen Energiemix. Daher streben wir als Union eine Laufzeitverlängerung der sicheren deutschen Anlagen an. Einen Neubau von Kernkraftwerken lehnen wir ab. Der größte Teil des zusätzlich generierten Gewinns aus der Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke soll nach einer verbindlichen Vereinbarung mit den Energieversorgungsunternehmen zur Forschung im Bereich der Energie-effizienz und der erneuerbaren Energien sowie zur Senkung der Strompreise genutzt werden.

 


Christine Lambrecht (SPD):
Ich stehe ohne wenn und aber zum Atomausstieg. Biblis A muss so schnell wir m öglich abgeschaltet werden, Biblis B wie im Kompromiss mit der Energiewirtschaft verabredet. Atomenergie ist eine Technik von gestern, hoch riskant und hat jetzt schon so viel Atommüll hinterlassen, der auch noch in Millionen Jahren tödlich strahlen wird. Den Anteil, den die Atomkraft an der Energieversorgung inzwischen hat, wäre schon heute ersetzbar, auch wenn die Atomlobby immer anderes behauptet. Bis nach dem Kompromiss das letzte AKW abgeschaltet wird, sind wir mit dem Ausbau anderer Energieformen weit genug.

 

 

 

 

 


Christian Gerber (Bündnis 90/ Die Grünen)
Biblis A und B müssen so schnell als möglich vom Netz. Mit mir und den Grünen gibt es einen garantierten Ausstieg aus der Nutzung der Kernenergie nach dem 27.09. Es besteht die Gefahr, dass der unter Rot-Grün vereinbarte Ausstieg aus der Atomenergie infolge einer Neuauflage der Großen Koalition nach der Bundestagswahl aufgeweicht wird. Dabei bedarf es der Atomenergie überhaupt nicht. Die Blöcke A und B waren für mehrere Monate außer Betrieb, ohne dass bei uns "die Lichter ausgegangen" wären, wie uns die konservativen Parteien immer glauben machen wollen.Die Taktik der Energieriesen ist dabei offenbar, die Restlauflängen bis über den Stichtag (27.09.) hinaus beibehalten zu können, um mit einer günstigeren politischen Großwetterlage eine für Sie komfortablere Lösung zu erreichen. Dabei steht dies aber in Widerspruch zur klaren Haltung der Deutschen, die die Atomkraft nicht mehr wollen. Dem entspricht, dass wir unseren Strombedarf ohne weiteres mit regenerativen Energien decken können. Durch die Nutzung der Elemente Wasser, Wind, Sonne, Geothermie und Biogas könnte man in Deutschland dauerhaft die Strompreise senken, die aufgrund des Gewinnstrebens der vier großen Energieversorger in Deutschland überteuert sind. Obendrauf wäre dies alles klimaneutral zu erhalten, im Gegensatz zum Strom aus der Kernspaltung.

 


Benjamin Kramer (FDP):
Die Laufzeiten unserer bestehenden Kernkraftwerke sind, auch was Laufzeitübertragungen angeht, durch das Atomgesetz geregelt. Die wichtigste Strategie, um eine bezahlbare Versorgung Deutschlands mit Energie für die Zukunft sicherzustellen, bleibt ein breiter Mix aus erneuerbarer Energie, Kernkraft, Öl, Kohle und Gas. Eine Politik, die zu einer immer stärkeren Abhängigkeit von wenigen Lieferländern führt, wie sie beim schnellen Atomausstieg für den Energieträger Gas droht, macht Deutschland politisch erpressbar. Je größer die Vielfalt der Energieträger, Rohstofflieferländer und Erzeugertechnologien, desto sicherer wird unsere Energieversorgung in der Zukunft sein. Auch wenn der Anteil der Erneuerbaren Energien bis 2020 auf 30% der Stromerzeugung steigen soll, müssen 70% bis auf weiteres noch konventionell erzeugt werden. Ein vollständiger Ausstieg aus Kernenergie und Kohle, wie die Grünen ihn fordern, würde also zu einer Versorgungslücke mit Strom führen. Deutschland müsste in diesem Fall Strom auf dem Ausland zukaufen – der in der Regel auch aus Kernkraftwerken stammt. Der Energieträger Kohle wird auf absehbare Zeit weiter ein Rückgrat unserer Energieversorgung bleiben. Neue Kohlekraftwerke dürfen jedoch nur noch ans Netz, wenn sie mit Technologien zur CO2-Abscheidung nachrüstbar sind.

 


Harry Siegert (Die Linke):
Eigentlich ist es beschlossene Sache: In Deutschland soll der Ausstieg aus der Atomenergie schrittweise bis 2022 erfolgen. Doch Union und FDP wollen eine Laufzeitverlängerung für die Reaktoren. Denn die Atomlobby legt sich mächtig ins Zeug. Sie wollen der Risikotechnologie zu einer strahlenden Zukunft verhelfen. Weder die Sicherheit, noch die Frage der Entsorgung bzw. Endlagerung ist oder kann gelöst werden. Der Weiterbetrieb abgeschriebener Atom- und Kohlekraftwerke ist für die Betreiberkonzerne vor allem eins: ein großes Geschäft, eine „Lizenz zum Gelddrucken. Ich befürworte den schnellstmöglichen Ausstieg. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen: Eine Energieversorgung aus erneuerbaren Energien ohne Atomkraft und ein mittelfristiger Ausstieg aus der Kohleverstromung sind möglich. Nach einer Forsa- Umfrage war Ende April 2009 ein klare Mehrheit von 66 Prozent der befragten Bürgerinnen und Bürger für den Atomausstieg – davon sogar 35 Prozent für einen beschleunigten Ausstieg. Biblis A und B müssen schnellstmöglich vom Netz. Ich befürworte den unverzüglichen und unumkehrbaren Ausstieg aus der Atomwirtschaft. Der wird allerdings nur gelingen, wenn sich die Politik gegen die wirtschaftliche Macht der Energieriesen behauptet. Deshalb muss das vorhandene Energiekartell entflechtet, die Energieversorgung weitgehend wieder kommunalisiert, die Energiekonzerne unter demokratische Kontrolle gestellt und die Energiemonopole schrittweise aufgelöst werden.