17.12.2009 Abschied von der Kassette - Dezember-Rundbrief der Sehbehinderten- und Blindenseelsorge


Seit über 40 Jahren hat die Sehbehinderten- und Blindenseelsorge der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) ihren Rundbrief auch als Hörkassette verschickt. Jetzt heißt es Abschied nehmen. In akustischer Form gibt es den  Rundbrief ab dem kommenden Jahr nur noch als CD.

Das Redaktions- und Sprecherteam hat sich im Wohnzimmer von Ute und Herbert Willausch in Rimbach-Albersbach  im Dekanat Bergstraße versammelt. Mitten auf dem Tisch steht ein drehbares Mikrophon. Abwechselnd sprechen die fünf Redaktionsmitglieder ihre Texte. Es geht um lebendige Leuchttürme in der Adventszeit, einen Dank an die Spender, einen Rückblick auf die Fahrt nach Rom, an der im Oktober 18 Sehbehinderte, Blinde und ihre Begleiter teilgenommen hatten sowie um den Veranstaltungsüberblick für 2010. Und natürlich widmet sich ein Beitrag auch dem Abschied von der Kassette. 

„Das Zeitalter der Kassette geht zu Ende“, sagt Siegfried Preis. Der frühere Gemeindepfarrer  ist ein Urgestein des Rundbrief-Teams. Er ist stark sehbehindert und ist eigens für die Produktion von Herborn nach Rimbach in den südlichen Teil der EKHN gekommen. Siegfried Preis lobt die Daisy-Technik, mit deren Hilfe die Nutzer problemlos in Hörbüchern blättern können, doch zugleich betont er im allerletzten Kassetten-Rundbrief: „Wer nur kürzere Texte hören möchte, und dazu gehört unser Rundbrief, kann sich eine teure Neuanschaffung sparen und normalen CD-Player benutzen“. Der Abschied von der Kassette aber ist in jedem Fall besiegelt.

Bei dem einen oder anderen mögen die modernen, kassettenlosen Zeiten eine kleine Träne im Knopfloch hervorrufen, das Redaktionsteam  nimmt es äußerlich gelassen:  ob Cassette oder CD  - Siegried Preis liest seine Texte für den Rundbrief wie gehabt und tastet beim Sprechen  mit den Fingerkluppen  die Blindenschrift ab. Herbert Willausch, er ist vollständig erblindet, spricht frei. Er ist der eigentliche Produzent,  schneidet Versprecher und Pausen heraus und stellt die Hör-Kassette fertig. Neben den beiden gehören drei Sehende zum Team. Es sind Ute Willausch, die Ehefrau von Herbert Willausch sowie Sibylle Lohnes und Gerhard Christ von der Sehbinderten- und Blindenseelsorge der EKHN. Der Rundbrief erscheint dreimal im Jahr. Es werden jeweils 130 Exemplare in Blindenschrift und Kassette sowie 500 Exemplare in herkömmlicher Schwarzschrift verschickt. Der Rundbrief gilt vielen als ein unverzichtbares Mitteilungsorgan- insbesondere für die Veranstaltungen.

„Die Seminare, Tagesausflüge oder Reisen sind sehr beliebt“, erläutert der Leiter der Sehbehinderten- und Blindenseelsorge Gerhard Christ. Im nächsten Jahr gibt es unter anderem  eine ökumenische Bibelfreizeit in Bad Salzhausen, einen Tagesausflug nach Darmstadt mit Erkundung der Mathildenhöhe oder eine Sommerfreizeit in Wernigerode im Harz. „Gemeinsam etwas unternehmen bereitet nicht nur Freude, es hilft vielen Sehbehinderten und Blinden auch aus der Isolation“, so Gerhard Christ. Gemeinsam mit Sibylle Lohnes berät er die einzelnen Gruppen und begleitet sie seelsorgerlich. Sie organisieren  Bibel- und Erholungsfreizeiten sowie Bildungs- und Auslandsreisen. Wichtig ist ihnen auch, ein Netz zu knüpfen, das den Alltag erleichtert und die Lebensbedingungen verbessert. In Darmstadt haben sie zum Beispiel eine Helferbörse initiiert, für die sich zehn Frauen und zwei Männer ehrenamtlich engagieren. Sehbehinderte und Blinde bekommen Unterstützung, wenn sie einen Einkaufsbummel machen, ins Theater oder ins Kino gehen wollen oder wenn sie einfach nur mal Besuch haben möchten.

Dass Betroffene unfreiwillig schnell in Isolation geraten können, macht Herbert Willausch an einem Beispiel deutlich. „Wenn ein Sehbehinderter Nachbarn oder Passanten nicht mehr erkennt, dann heißt es schnell: der ist aber komisch geworden, der grüßt ja noch nicht mal“. Auch Ute Willausch vermisst mitunter die nötige Sensibilität. „ Es ist uns in einem Fall zum Beispiel nicht gelungen, jemanden zu finden, der eine blinde Frau ab und an bei Spaziergängen begleitet.“ Dahinter vermutet sie Ängste und Hilflosigkeit. „Viele sind einfach unsicher, wie sie mit Menschen umgehen sollen, die nicht sehen können.“

Ute und Herbert Willausch sind in der Rimbacher Gruppe der Sehbehinderten – und Blindenseelsorge aktiv, die Anlaufstelle für das Weschnitztal und den Überwald ist. Es ist eine von acht Regionalgruppen in der EKHN. Die Rimbacher treffen sich monatlich wechselnd im evangelischen Gemeindehaus oder in einem Cafe. Es ist ein gemütliches Zusammensein und ein Austausch von Informationen, die für Sehbehinderte und Blinde wichtig sind. Es geht zum Beispiel um Hilfsmittel, Einkaufshilfen, Mobilitätstraining oder um Tipps fürs Bahn fahren. Die Rimbacher wünschen sich, dass sich auch eine Gruppe an der Bergstraße bildet. Denn der Weg von Bensheim oder Alsbach in den Odenwald ist für Sehbehinderte und Blinde halt doch eine logistische Herausforderung.

Herbert Willausch hat inzwischen die akustische Ausgabe des Dezember-Rundbriefs fertig produziert. Zum letzten Mal werden die Empfänger eine Kassette in ihrem Briefkasten finden. Das neue Jahr beginnt digital.

 

Als Hörprobe dokumentieren wir den Beitrag "Abschied von der Kassette" aus dem aktuellen Dezember-Rundbrief.
Sprecher ist Siegfried Preis.
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Text: bet
Das Foto zeigt von links n. rechts: Siegfried Preis, Gerhard Christ, Ute und Herbert Willausch