10.12.13 "Wirtschaft braucht Weihnachten" - Der Kaufrausch im Advent, die EKHN und ekhn.de


„Wirtschaft braucht Weihnachten“ lautet die Überschrift eines Artikels auf der Website der EKHN. Für den Konsumrausch im Advent bringt die Redaktion von ekhn.de bemerkenswert viel Verständnis auf. Dazu ein Kommentar:


"Weihnachtszeit ist Einkaufszeit" stellt der mit ‚red‘ als Autorenname versehene Artikel messerscharf fest. Das Kürzel steht für die Multimediaredaktion, die redaktionell für die Homepage der Landeskirche verantwortlich zeichnet. Sie lässt ausschließlich einen Vertreter der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Wort kommen. Ein Fünftel des Jahresumsatzes werde in der Vorweihnachtszeit erwirtschaftet. Spielwaren, Bücher und Unterhaltungselektronik seien als Geschenke beliebt, lieber Weihnachtsstress als Langeweile im Laden und dann die Feststellung, die als Zwischenüberschrift besonders hervorgehoben wird: Ohne Weihnachtsgeschäft würden Arbeitsplätze wegfallen.

Der Artikel liest sich wie eine Bestätigung des Reklameaufregers aus dem vergangenen Advent: Weihnachten wird unterm Baum entschieden. Und was unterm Baum liegt, entscheidet über Arbeitsplätze. Auf geht’s zum Konsum. Es lebe der Kaufrausch. Auch die Rüstungsindustrie schafft übrigens Arbeitsplätze. Lesen wir demnächst auf ekhn.de: Rüstung braucht den Export?

Der Artikel „Wirtschaft braucht Weihnachten“ hätte so auch im Mitteilungsblatt der IHK veröffentlicht werden können. Eine kritische Distanz zum Weihnachtsgeschäft? Fehlanzeige. Einen Satz wie diesen muss man zweimal lesen, weil es kaum zu glauben ist, so etwas auf der Homepage der EKHN zu finden. „Von Anfang November bis Ende Dezember dauert das Weihnachtsgeschäft der Händler auf dem Papier, richtig los geht es aber meist erst Mitte November.“ Was, bitte schön, heißt hier „erst“? Die evangelische Kirche hat immer wieder gesagt, alles hat seine Zeit und Advent ist im Dezember. Viele Kirchengemeinden haben sich mit dem Einzelhandel angelegt, wenn die Geschäfte schon Mitte November vor dem Ewigkeitssonntag weihnachtlich glitzern. Doch ekhn.de stellt fast schon bedauernd fest, dass das Weihnachtsgeschäft erst Mitte November beginnt.

Die EKHN hat eine Position gegen die Ökonomisierung des Lebens; ekhn.de redet der Ökonomisierung das Wort. Die EKHN betont, was im Advent wirklich zählt, für ekhn.de zählt, dass süßer die Kassen nie klingeln. Damit kein Missverständnis entsteht: es geht nicht darum, über ekhn.de eine Hofberichterstattung für die EKHN sicherzustellen. Aber es geht um eine evangelische Perspektive. Von einer Website, die ekhn.de heißt, darf man doch erwarten, dass sie nicht die Perspektive des Handels einnimmt, sondern deutlich macht, wofür die EKHN steht.

Wenn der Konsumrausch-Artikel ein Einzelfall wäre, könnte man getrost darüber hinwegsehen. Jeder Redakteur, jede Redakteurin hat mal einen schlechten Tag.  Doch - um nur einige Beispiele zu nennen - ob es um den Bahn-Lärm im Mittelrheintal, das Sonntags-Shopping in Darmstadt, die Anti-Spionage-Demonstration in Frankfurt oder die Trauung eines homosexuellen Paares in Seligenstadt geht, auf der Homepage der Landeskirche ist immer wieder festzustellen: die evangelische Perspektive fehlt und das heißt: wo EKHN drauf steht, ist nicht EKHN drin. Das ist das Problem von ekhn.de und das Problem der EKHN.

Berndt Biewendt


Foto (bet): Religion als Ware: Schaufensterauslage im Advent - die Jeans als "wahre Religion"