14.11.13 Christsein in Russland - Kaliningrad als Sprungbrett nach Deutschland


Bis auf den letzten Platz war das Foyer des Hauses der Kirche besetzt. Das Evangelische Dekanat Bergstraße hatte hohen Besuch: Pfarrer und stellvertretender Propst Thomas Vieweg war 1277 km von Kaliningrad/Königsberg in Russland angereist. 

Mit diesem Abend beginnt das Dekanat in Zusammenarbeit mit dem Gustav-Adolf-Werk eine Vortragsreihe unter dem Motto: „Blick über den Tellerrand – evangelisch in …“ Protestanten aus ganz verschiedenen Orten der Welt werden in dieser Reihe berichten, wie sie ihren evangelischen Glauben leben. Sie ist zugleich  Auftakt für die Feierlichkeiten des Reformationsjubiläums, welches am 31.10.2017 seinen Höhepunkt erleben wird. Genau 500 Jahre vorher hat Martin Luther 95 Thesen in Wittenberg veröffentlicht, die die Welt nachhaltig verändert haben.

Pfarrer Tilman Pape, Referent für Ökumene und Mission, und Heinz-Jürgen Schocke, Mitorganisator, begrüßten Thomas Vieweg als ersten Redner dieser Vortragsreihe.  Und Vieweg kam gleich zur Sache: Er erzählte den interessierten Gästen, wie evangelisch in Russland geht: Die Region Kaliningrad/Oblast, das  frühere Ostpreußen, war jahrhundertelang eine Hochburg des Protestantismus. Hier entstand die erste evangelische Universität, hier gab es die erste evangelische Landeskirche in Europa. Doch das kommunistische Regime unter Stalin vertrieb alle Christen aus der Gegend.

Erst nach der Perestroika 1991 siedelten sich wieder Christen dort an – viele Orthodoxe aus Russland, aber auch evangelische Russlanddeutsche, die von Sibirien oder Kasachstan dort hin zogen. Die evangelische Kirche in Deutschland unterstützte diese Menschen, indem sie Pfarrer dorthin entsandte, um dort als Pröpste die neu entstehende Kirche zu leiten und zu begleiten. So kam auch Pfarrer Thomas Vieweg nach Kaliningrad. Inzwischen gibt es nach seinen Angaben wieder über dreißig evangelische Gemeinden dort. Doch für die meisten Russlanddeutschen diene die Gegend nur als Sprungbrett, um weiter nach Deutschland zu ziehen. So werden die evangelischen Gemeinden dort immer russischer. Mit Pfarrerin Maria Goloshapowa ist vor wenigen Monaten zum ersten Mal eine Russin zur evangelischen Kirchenführerin der Region gewählt worden. Und es bleibt spannend, wie die Entwicklung dort weiter geht.

Nach einer knappen Stunde Vortrag eröffnete Pfarrer Vieweg die Fragerunde und es schloss sich ein lebendiges Gespräch an. Deutlich wurde, dass viele der Anwesenden entweder selbst aus der Region stammen oder Verwandte dort haben oder in irgendeiner Weise schon da waren und sich mit dem früheren Ostpreußen immer noch sehr verbunden fühlen. So konnte sich Pfarrer Vieweg am Ende über eine hohe Spende für seine Gemeinden in Russland freuen.

Text u. Fotos: Tilman Pape