31.10.13  Reformationstag: „Martin Luther suchte Wahrhaftigkeit“


Der Berliner Filmproduzent Nico Hofmann hat heute in Wiesbaden auf die besondere Rolle der Medien bei der Aufarbeitung der Geschichte hingewiesen. Vor allem Filme könnten dazu beitragen, Vergangenes in Erinnerung zu rufen und dabei helfen, Verdrängtes ins Gespräch zu bringen, sagte der sechsmalige Gewinner des Deutschen Fernsehpreises bei der zentralen Reformationsfeier der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN)  in der Wiesbadener Lutherkirche.

Die Veranstaltung bildete auch den Auftakt zum Themenjahr „Reformation und Politik“, das die evangelische Kirche für 2014 ausgerufen hat. In diesem Zusammenhang thematisierte Hofmann unter anderem die Reaktionen auf den Zweiteiler „Die Flucht“ mit Maria Furtwängler in der Hauptrolle, der als erster großer deutscher Film den Exodus der Bevölkerung aus dem deutschen Osten Anfang 1945 erzählte. Viele Menschen hätten dadurch am Fernsehschirm noch einmal „die fürchterlichen Ängste und Schrecken jener Tage“ erlebt und danach zum ersten Mal über ihre schrecklichen Erlebnisse sprechen können und damit begonnen, sie zu bewältigen.

So kann Schuld nach Hofmann nie „rein didaktisch abgearbeitet“ werden. Dies gelänge nur emotional und psychologisch. Als Beispiel nannte Hofmann die Wirkungen seines Fernseh-Dreiteilers „Unsere Mütter, unsere Väter“, ein „Film über den Krieg, über das Töten oder getötet werden und über Schuld“. „Unsere Mütter, unsere Väter“ habe in vielen deutschen Familien „einen Bann gebrochen“. Die verdrängten Kriegserlebnisse seien so zum Teil erstmals benannt worden. In Polen habe „Unsere Mütter, unsere Väter“ eine große Debatte über die Rolle des Widerstands und die Folgen des Antisemitismus ausgelöst. Ein Ziel seiner Produktionen sei es auch, zu einer neuen „Wahrhaftigkeit“ zu kommen, sagte Hofmann. Er bezeichnete die Wahrhaftigkeit dabei als religiöse Kategorie, nach der beispielsweise auch Martin Luther gestrebt habe. In seinen Bibelübersetzungen sei es ihm immer um eine authentische Übertragung der alten Schrift gegangen. „Es ging Luther um die Wahrhaftigkeit der Überlieferung“, so Hofmann.

 
Der Kirchenpräsident der EKHN, Dr. Volker Jung,  hat in seiner Predigt bei der Reformationsfeier in Wiesbaden Verantwortliche aus Politik, Kirche und Gesellschaft zu mehr Demut ermahnt. Es sei nötig, dass Menschen ihre Grenzen und ihre Schuld erkennen und dazu stehen. Dies sei der Sinn der biblischen Aufforderung, sich Gott gegenüber demütig zu verhalten. Demut dürfe aber nicht mit Erniedrigung verwechselt werden. Im Gegenteil: Menschen sollten „sich aufrichten, um von Gott immer wieder neu Kraft und Orientierung zu empfangen“, so Jung. Diese Demut sei insbesondere für alle wichtig, denen Macht anvertraut sei „in der Familie, im Unternehmen, in der Wissenschaft, in den Medien, in der Kirche in der Politik“, so Jung.

In seiner Predigt forderte Jung auch, sich stärker für Flüchtlinge einzusetzen. „Es ist für mich unerträglich, wenn wir uns in Europa auf unsere jüdisch-christliche Werteorientierung berufen und gleichzeitig Flüchtlinge zu Tausenden im Mittelmeer ertrinken“, sagte Jung. Die biblischen Überlieferungen riefen dazu auf, Menschen mit Barmherzigkeit und Liebe zu begegnen. Das gelte in besonderer Weise für Schwache und Schutzbedürftige.

Wichtig ist nach Jung auch eine Orientierung an den Geboten Gottes, die für eine gerechte Gesellschaft sorgen sollten. Sie forderten bis heute dazu heraus, immer wieder neu nach Recht und Gerechtigkeit zu fragen. Als Beispiel nannte der Kirchenpräsident die Debatte um die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Seiner Ansicht nach ist es in den Kirchen „ein guter Weg, homosexuellen Menschen den Weg zu öffnen, dass sie verlässlich in eigetragener und gesegneter Partnerschaft miteinander leben können.“  Der Kirchenpräsident hatte Verse aus dem biblischen Buch des Propheten Micha zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen gemacht. Darin heißt es unter anderem im sechsten Kapitel: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“

Bei der Reformationsfeier wirkte der bisherige katholische Stadtdekan Wiesbadens Wolfgang Rösch mit, der vor wenigen Tagen zum Generalvikar des Bistums Limburg ernannt wurde. Musikalisch gestalteten der Bachchor und das Bachorchester Wiesbaden unter Leitung von Jörg Endebrock die Feier. Unter den rund 600 Gästen aus Politik und Gesellschaft befanden sich unter anderem die Hessische Kultusministerin Nicola Beer sowie der Rheinland-Pfälzische Finanzminister Carsten Kühl.

 

Text: Volker Rahn