17.10.13 "Die politischen Verhältnisse könnten mich rasend machen" - Zum 200. Geburtstag von Georg Büchner


Mit seinen 23 Jahren, die er alt werden konnte, hat er nur ein schmales Werk hinterlassen können. Eine Novelle, eine Flugschrift, drei Theaterstücke stammen aus seiner Feder. Und dennoch gehört er in Deutschland seit Jahrzehnten zu den Top Ten der meist gespielten Bühnenautoren. Was macht die Aktualität Georg Büchners aus, der heute vor 200 Jahren, am 17. Oktober 1813, geboren wurde? Unsere Spurensuche beginnt in seinem Geburtsort, dem südhessischen Goddelau.

Die evangelische Kirche (2. Foto) stand schon bei Büchners Geburt mitten im Dorf an einer heute belebten Straßenkreuzung. Dort ist Georg Büchner getauft worden. Nur wenige Fußminuten entfernt befindet sich sein Geburtsthaus (3. Foto) in der Weidstraße 9. Vor 25 Jahren hatte es die damalige Gemeinde und nach Verleihung der Stadtrechte heutige Stadt Riedstadt, zu der Goddelau gehört, erworben. Vor genau 15 Jahren wurde es als Büchner-Haus mit der Dauerausstellung „Von Goddelau zur Weltbühne“ eröffnet. Was dem Besucher sofort ins Auge springt, sind Zitate aus den Werken oder aus Briefen Büchners. Und was für welche! „Ich verachte Niemanden, am wenigsten wegen seines Verstandes oder seiner Bildung, weil es in niemands Gewalt liegt, kein Dummkopf oder kein Verbrecher zu sein“. Auf einer anderen illuminierten Folie steht ein weiteres Zitat aus einem Brief an die Familie ebenfalls geschrieben im Straßburger Exil: „Weil wir im Kerker geboren und großgezogen sind, merken wir nicht mehr, dass wir im Loch stecken mit angeschmiedeten Händen und Füßen und einem Knebel im Munde“. Es sind Sätze, die wie Keulenschläge wirken. Sie erscheinen so modern, dass man gar nicht glauben mag, dass sie vor 180 Jahren geschrieben worden sind. Büchner scheint aus der Zeit gefallen zu sein und war doch ein genauer und scharfzüngiger Kritiker seiner Zeit.

„Die politischen Verhältnisse könnten mich rasend machen. Das arme Volk schleppt geduldig den Karren, worauf die Fürsten und die Liberalen ihre Affenkomödie spielen“, schreibt Georg Büchner im Dezember 1833. Er hat zu dieser Zeit sein Studium an der Universität in Gießen fortgesetzt. Zuvor war er zwei Jahre an der Medizinischen Fakultät in Straßburg eingeschrieben, wohnte dort im Haus des evangelischen Pfarrers Johann Jakob Jaeglé und verlobte sich heimlich mit dessen Tochter Wilhelmine. Er musste Straßburg wieder verlassen, weil das Großherzogtum Hessen maximal zwei Studienjahre im Ausland erlaubte. In Gießen erfährt Büchner die Schikane und die Gewalt des Obrigkeitsstaates am eigenen Leib. In einem Brief an die in Darmstadt lebende Familie schreibt er: „Der Aristokratismus ist die schändlichste Verachtung des Heiligen Geistes im Menschen“. 

Zu den Gießener Studienfreunden von Georg Büchner gehören auffällig viele Theologen. Mit einigen von ihnen gründet er die Gesellschaft für Menschenrechte. Sie muss konspirativ agieren. Ihr erklärtes Ziel: der Umsturz der bestehenden Ordnung. In Gießen schreibt Büchner an einer Flugschrift, die mit der Parole „Friede den Hütten! Krieg den Palästen“ vor allem die verarmte Landbevölkerung  aufrütteln will. Sie wird unter dem Titel „Der hessische Landbote“ herausgegeben.

Büchner bedient sich dabei der Sprache der Bibel, wenn er zum Beispiel schreibt: „Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag: sie wohnen in schönen Häusern, sie tragen zierliche Kleider, sie haben feiste Gesichter und reden eine eigene Sprache. …Das Leben der Bauern ist ein langer Werktag; Fremde verzehren seine Äcker vor seinen Augen, sein Leib ist eine Schwiele, sein Schweiß ist das Salz auf dem Tisch des Vornehmen“. Büchner ist nicht nur konkret, er schlägt den Ton an, den die einfachen Leute kennen. Er spricht ihre Sprache. Er schaut dem Volk aufs Maul.

Büchner wird inzwischen steckbrieflich gesucht. Um der drohenden Verhaftung zu entgehen, flüchtet er 1835 nach Straßburg. Revolutionäres Pathos ist ihm fremd. Er macht sich keine Illusionen. Er weiß, wie notwendig ein Umsturz ist und er sieht die Ausweglosigkeit eines solchen Unterfangens. An seinem Bruder Wilhelm schreibt er: „Ich würde Dir das nicht sagen, wenn ich im entferntesten an die Möglichkeit einer politischen Umwälzung glauben könnte. Ich habe mich seit einem halben Jahr vollkommen überzeugt, dass nichts zu tun ist und dass jeder, der im Augenblick sich aufopfert, seine Haut wie ein Narr zu Markte trägt“. Diese Einschätzung spiegelt sich auch in seinem Revolutionsdrama „Dantons Tod“ wider, das im Straßburger Exil erscheint.  Die Hoffnungen auf einen Umsturz hat er begraben, aber Büchner zeigt Haltung. Er weiß, auf welcher Seite er steht: „Ich komme vom Christkindelsmarkt: überall Haufen zerlumpter, frierender Kinder, die mit aufgerissenen Augen und traurigen Gesichtern vor den Herrlichkeiten aus Wasser und Mehl, Dreck und Goldpapiere standen. Der Gedanke, dass für die meisten Menschen auch die armseligsten Genüsse und Freuden unerreichbare Kostbarkeiten sind, machte mich sehr traurig.“

Von ständigen Geldsorgen bedrängt schließt Büchner sein Medizinstudium mit einer Dissertation über das „Nervensystem der Barbe“ ab. 1836 zieht er nach Zürich, wo er an der Universität eine Stelle als Privatdozent antritt. Bereits ein Jahr später stirbt er im Beisein seiner Verlobten an einer Typhus-Erkrankung.  

Noch einmal zurück zu seinem Geburtsort nach Goddelau. Das Büchner-Haus wird ehrenamtlich und engagiert von Rotraud Pöllmann (Foto unten) geleitet. Als „büchnerisch“ bezeichnet sie den finanziellen Druck in Form einer sechsstelligen Hypothek, die auf dem Haus lastet und noch abbezahlt werden muss. Das Büchner-Haus ist auch 15 Jahre nach seiner Eröffnung auf Spenden und Benefizaktionen angewiesen. Selbstverständlich wird heute auch das Büchner-Haus zum 200. Geburtstag des Dichters gratulieren – mit einer akademischen Feier. Den Festvortrag hält der Büchner-Experte Prof. Burghard Dedner aus Marburg. Musikalisch gestaltet wird die Veranstaltung von der Gruppe “Molwert“, die – wie es in der Ankündigung heißt – lebendig und alles andere als akademisch Lieder aus der Zeit des Vormärz singen und
spielen wird.

Mit ihren ebenfalls ehrenamtlich tätigen vier Mitstreitern kann Rotraud Pöllmann das Haus nur donnerstags und sonntags von jeweils 14.00 bis 18.00 Uhr sowie nach vorheriger Anmeldung öffnen. Und dennoch haben bislang 34.000 Menschen den Weg zu dem kleinen Fachwerkhaus in der Goddelauer Weidstraße gefunden. Sie kommen – und das ist wörtlich zu nehmen – aus aller Welt, unter anderem aus Japan, Korea oder den USA. Auch ein Betriebsausflug der Mitarbeitenden Im Heppenheimer Haus der Kirche führte ins Büchner-Haus. Zu den Gästen gehören auch fast alle lebenden Büchner-Preisträger, die ihren Besuch oft mit einer Lesung verbinden. Im nächsten Jahr wird Sibylle Lewitscharoff erwartet, die aktuelle Bücherpreisträgerin.

Einer der ersten, der zu Ehren Büchners nach Goddelau kam, war der Preisträger von 1994, Adolf Muschg. Er machte dem Büchner-Haus das vermutlich schönste Kompliment: „Der Ort, an dem ein wirkliches Genie wie Büchner geboren ist, müsste ein Ort des Segens und der Gnade auch für die jetzigen Besucher sein. Das mag unkorrekt fromm klingen  - sie können es durch Strahlung oder Energie ersetzen, wenn ihnen das besser passt. Aber ich glaube nicht, dass das alles verflogen ist“.


Text u. Fotos: bet