19.08.13 Deutsch-portugiesische Jugendbegegnung - Die Begegnung mit einer verlorenen Generation


Sie unternehmen etwas zusammen, sie feiern gemeinsam und sie lachen miteinander. Es war wie immer, wenn Jugendliche aus dem Dekanat Bergstraße bei der jährlichen gemeinsamen Freizeit Gleichaltrige aus Portugal treffen. Nur eines war noch nie so deutlich wie in diesem Sommer: die Jugendbegegnung mit Portugal ist auch eine Begegnung mit einer verlorenen und betrogenen Generation.

5,6 Millionen. Hinter dieser Zahl verbirgt sich eine Tatsache, die mit dem Wort Skandal nur unzureichend beschrieben ist. So viele junge Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren sind in der Europäischen Union ohne Arbeit. In Portugal liegt im Sommer 2013 die Jugendarbeitslosigkeit bei 41 Prozent. Das lastet zentnerschwer auf jungen Schultern. Spürbar ist das, wenn man mit Ines und Maria Francisca über ihre Zukunftsperspektiven spricht.

Die beiden 16jährigen gehen in die 11.Klasse und haben an der deutsch-portugiesischen Jugendbegegnung teilgenommen. Für beide ist es durchaus realistisch, das zu tun, was im vergangenen Jahr rund 150.000 ihrer Landsleute gemacht haben: die Koffer packen, auswandern und dorthin gehen, wo es Arbeit gibt. „Ich würde es tun, aber ich würde es nicht gern tun, weil ich dann weit weg von meiner Familie bin“, sagt Maria Francisca. Wie das ist, wenn die Familie getrennt ist, weiß Ines aus eigener Erfahrung. Ihr Vater ist nach London gegangen, weil er zu Hause keine Arbeit mehr gefunden hat. „Es ist ein gut bezahlter Job, aber gerade am Anfang war es für ihn sehr, sehr schwer“, berichtet die 16jährige. 

Beide spüren, dass ihre beruflichen Perspektiven in Portugal alles andere als rosig sind. Dennoch wollen sie in der Schule und später einmal im Universitätsstudium hart dafür arbeiten, dass sie eine Zukunft in ihrer Heimat haben. Maria Francisca formuliert es so: „Es reicht vermutlich nicht aus, nur einfach gut zu sein. Ich habe das Gefühl, ich müsse die Beste sein.“ Sie strengt sich an, ihr Englisch zu verbessern. Das, so sagt sie, sei wichtig für den Fall, dass sie in ein anderes Land gehen muss.

Auch Ines will sich nicht unterkriegen lassen und spricht von der Kraft zu kämpfen (power to fight). Das unterscheidet sie von den meisten anderen in ihrer Klasse. „Ich sehe es jeden Tag. Viele haben aufgegeben und auch keine Hoffnung mehr. Sie können gar nicht sagen, was sie eigentlich wollen.“ Die Resignation sei mit Händen zu greifen, so beschreiben die beide 16jährigen die Gemütslage in ihrer Generation.

Die hohe Jugendarbeitslosigkeit in der Europäischen Union ist ein Pulverfass. Das weiß auch die EU-Kommission. Sie hat zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit insgesamt acht Milliarden Euro bereit gestellt. Ines und Maria Francisca glauben nicht daran, dass das kurzfristig etwas ändern werde. „Es sind einfach zu viele, als dass jedem geholfen werden kann“, sagen beide. Sie vertrauen ohnehin nicht auf staatliche Hilfe. „Meine Familie hilft mir und unterstützt mich. Wir finden bestimmt gemeinsam eine Lösung“, hofft Ines. Maria Francesca stimmt ihr zu, betont aber auch: „Ich muss mir auch selbst helfen“.

Die Jugendbegegnung mit Gleichaltrigen aus dem Dekanat Bergstraße sehen beide als eine Bereicherung an. „Wir öffnen unsere Augen für die Welt und lernen andere Menschen und eine andere Kultur kennen“, sagt Ines. Und Maria Francisca ergänzt: „Durch den Jugendaustausch lernen wir mehr Unabhängigkeit“. Und dann fügt sie einen Satz an, der schlagartig deutlich macht, dass portugiesische Jugendliche nicht so unbekümmert und unbeschwert eine 14tägige Freizeit verbringen können wie ihre deutschen Freunde: „Mehr Unabhängigkeit hilft uns, wenn wir in einem anderen Land arbeiten.“


Foto (Ulrike Schwahn): Maria Francisca und Ines
Text: bet