16.08.13 Soziales Ungleichgewicht in einem reichen Land - Arm und Reich aus der Sicht von Erwerbslosen


Wie sind Einkommen, Vermögen, Wohnraum, Bildung und Gesundheit in Deutschland verteilt und welche Folgen hat das für die Menschen? Das untersuchten Erwerbslose bei einem Kreativseminar, das das Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) gemeinsam mit dem Referat Wirtschaft, Arbeit, Soziales der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck und der Katholischen Betriebsseelsorge Mainz im Heppenheimer Haus am Maiberg veranstaltete. Die Ergebnisse zeigten die Erwerbslosen anhand von Installationen bei einer öffentlichen Präsentation in der Heppenheimer Fußgängerzone.





Günter Reichhardt aus Mainz, der früher als LKW-Fahrer tätig war, hatte aus Pappe ein Hochhaus gebaut (Foto links). Die vielen kleinen Fenster deuten auf beengte Wohnverhältnisse hin. Auf dem Dach platzierte er als Gegenentwurf ein geräumiges Penthouse mit eigenem Hubschrauberlandeplatz. Es ist seine Sichtweise der auseinanderdriftenden Wohnqualität. Nach statistischen Erhebungen gibt es immer weniger preiswerten Wohnraum. Verlierer sind die Einkommensschwachen. Außerdem steigt die Zahl der Wohnungslosen. Passend dazu war neben dem Hochhaus ein Karton zu sehen. Der Übernachtungsplatz für Obdachlose (Foto unten)

Zu Beginn des Kreativseminars hatte der Referent für Armutspolitik der Diakonie in Hessen und Nassau, Dr. Alexander Dietz, anhand aktueller Statistiken das soziale Ungleichgewicht in Deutschland erläutert. Demnach sind Arbeitslose häufiger krank. Reiche leben nach den Erhebungen zehn Jahre länger als Arme. Sozial benachteiligte Kinder gehen seltener zum Arzt. Von 100 Akademikerkindern beginnen 71 ein Hochschulstudium, bei Nicht-Akademikern sind es 24.

Die wachsende Schere zwischen Arm und Reich machten mehrere  Seminarteilnehmer optisch anschaulich. Sie gingen als wandelende Statistiken in der Heppenheimer Fußgängerzone auf und ab (Foto oben). Passanten konnten so unter anderem lesen, dass die reichsten zehn Prozent der Deutschen im Besitz von 66 Prozent des Privatvermögens sind.

„Mir war vor dem Kreativseminar gar nicht klar, welch enger Zusammenhang zwischen Armut, Bildung und Gesundheit besteht“, sagte Waltraud Zorbach aus Frankfurt. Sie ist eine Langzeitarbeitslose. Nach einer Krankheit konnte sie ihren Beruf als Erzieherin nicht mehr aufnehmen. Für sie spricht eine statistische Zahl Bände. In der unteren Bildungsschicht essen 28 Prozent täglich Gemüse, bei der oberen sind es 46 Prozent. „Gesunde Ernährung hängt von der Bildung und vom Geldbeutel ab“, so das Fazit von Waltraud Zorbach.

Herta Neuhaus aus Wabern machte auf die wachsende Zahl der Menschen aufmerksam, die trotz Arbeit arm sind und von ihrem Lohn allein nicht leben können. Die 54jährige arbeitet in Teilzeit als Verkäuferin, ihr Mann konnte nach einem Bandscheibenvorfall  nicht mehr in seinen Beruf als Baufacharbeiter zurückkehren. Er arbeitet jetzt Vollzeit als Verpacker. Beide sind so genannte Aufstocker, weil ihre Löhne zu gering sind. Das ist kein Einzelfall. Die Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland hat stark zugenommen.

Die insgesamt 20 Seminarteilnehmer, die aus ganz Hessen nach Heppenheim gekommen waren,  wurden von der Kunsttherapeutin Martina Bodenmüller und dem Kunstpädagogen Holger Wilmesmeier betreut. Ebenso wie Seminarleiterin Marion Schick vom EKHN-Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung waren sie von der Kreativität und Schaffenskraft der Erwerbslosen beeindruckt. “Für alle war es ein gutes Gefühl, zusammen zu arbeiten, gemeinsam etwas zu schaffen und dies öffentlich zu präsentieren“, so die Bilanz von Marion Schick.

 

Text u. Fotos: bet