13.08.13 "Wer will schon, dass es nur noch Werktage gibt" - Sonntagsschutz als Daueraufgabe


Kommt die weitere Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten nach den hessischen Landtagswahlen und der Bundestagswahl wieder auf die politische Tagesordnung? Auf welche Weise sollte die Kirche für den Sonntagsschutz streiten? Zu diesen und anderen Fragen rund um den Sonntag äußerte sich Dr. Alexander Dietz von der Diakonie in Hessen und Nassau im Interview mit bergstrasse-evangelisch.de.

Der Kampf für den freien Sonntag ist nach Ansicht von Alexander Dietz eine Daueraufgabe. Er rechnet fest damit, dass nach Landtags- und Bundestagswahl erneut ein Angriff gegen den Sonntagsschutz erfolgt. So hatte der Handelsverband Berlin-Brandenburg im Juli die völlige Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten gefordert. Für ihn gibt es überhaupt keinen Grund mehr für gesetzliche Regelungen. Der Chef des Handelsriesen Kaufhof, Lovro Mandac, sprach sich dafür aus, dass die Geschäfte von Januar bis November einmal jeden Monat sonntags öffnen können. Im Dezember möchte er, dass an alle vier Adventssonntagen die Kasse klingelt. Dafür will er nach der Wahl alle Beteiligten an einen Tisch holen. Die Sonntagsverkäufer werden nicht locker lassen, nicht nur aus kommerziellen, sondern zum Teil auch aus ideologischen Gründen. In den vergangenen Jahren habe sich  eine gesellschaftliche Strömung herausgebildet, die kirchliche und christlich-kulturelle Einflüsse zurückdrängen wolle, meint Alexander Dietz, der bei der Diakonie für Armutspolitik zuständig ist.

Das Argument, der Handel benötige verkaufsoffene Sonntage um gegen den florierenden Internet-Handel bestehen zu können, lässt Alexander Dietz nicht gelten. Man könne nicht rein ökonomisch argumentieren, weil der Sonntag ja gerade ein Symbol für die Grenzen des Ökonomischen sei. In einem Aufsatz für das Jahrbuch Gerechtigkeit hatte Dietz darauf aufmerksam gemacht, dass bis zum Jahr 1976 im Kalender der Sonntag der erste Tag der Woche war. Der Gedanke, an einem Tag von der Arbeit ruhen zu können, knüpfe an die alttestamentliche Sabbattradition an, bei der christlichen Deutung komme hinzu, dass der Sonntag als Tag der Auferstehung Christi am ersten Tag in der Woche gefeiert werde. „Wenn wir sagen, die Woche beginnt mit der Ruhe, die Woche beginnt mit der Zusage Gottes, dass wir Würde haben, unabhängig davon wie ökonomisch leistungsfähig wir sind, dann können wir daraus Kraft schöpfen und die Haltung einnehmen, dass der Wert des Menschen sich nicht daran bemisst, wie viel er verdient, ob er einen Job hat oder nicht“, so Alexander Dietz.

Die Kirchen erwecken nach seinen Beobachtungen in ihren Stellungnahmen oft den Eindruck, sie seien Spielverderber, sie wollten anderen nur ihr Geschäft vermasseln und  dafür sorgen, dass die Menschen sonntags in die Kirche kommen. Die Kirchen sollten demgegenüber  vielmehr betonen, was für einen Schatz sie mit dem Sonntag als Symbol gegen die Ökonomisierung aller Lebensbereiche haben.“Das ist ja etwas, worunter viele Menschen leiden; die nur noch für die Arbeit leben, die das Gefühl haben, sie haben nichts mehr anderes als die Arbeit.“ Dietz plädiert dafür, dass die Kirchen offensiver für den Sonntagsschutz kämpfen. „Mit den richtigen Argumenten kann man auch viele Menschen überzeugen. Denn wer will schon, dass es nur noch Werktage gibt.“

Am Ende des Interviews macht Alexander Dietz eine erstaunliche Rechnung auf: „Stellen Sie sich vor, Sie werden 70 Jahre alt, dann waren zehn Jahre Ihres Lebens Sonntage. Zehn Jahre, in denen Sie sich nicht um ihren Lebensunterhalt kümmern mussten. Das ist ein königliches Geschenk.“

Das Interview können Sie auch hören. Klicken Sie bitte hier

 

Text u. Foto: bet