29.07.13 Pfarrer in Rufbereitschaft - Ein bekennender Hesse in St. Petersburg


Seit Dezember 2008 ist er Pfarrer i.R. Das Kürzel steht bei Gerhard Hechler nicht für „im Ruhestand“, sondern für „in Rufbereitschaft“. Der frühere Gemeindepfarrer in Jugenheim und Schulpfarrer im Schuldorf Bergstraße springt immer wieder als Vakanzvertreter in St. Petersburg ein.

Die deutsche evangelische-lutherische St. Annen- und St. Petri-Gemeinde in St. Petersburg  ist eine offizielle Auslandsgemeinde der EKD. Sie setzt sich nicht wie eine übliche Botschaftsgemeinde aus muttersprachlichen Deutschen zusammen. „Neben den Besuchern aus Deutschland sind es vorwiegend sog. Wolgadeutsche. Menschen also, deren Vorfahren unter Stalin deportiert wurden und die nach St. Petersburg wieder zugezogen sind. Ihre Großeltern sprachen deutsch und waren Lutheraner. Religiös und sprachlich hat es große Traditionsbrüche gegeben“, betont Pfarrer Hechler.

Die Älteren sprechen noch ein Deutsch, das stark dem Pfälzischen oder Hessischen ähnelt. Die jüngere Generation spricht nach Angaben von Pfarrer Hechler im Alltag russisch und nicht so gut deutsch. Das Bemühen, deutsch zu verstehen und zu lernen, sei allerdings groß. Gottesdienste, aber auch Kasualien wie Taufen oder Beerdigungen, müssen deshalb in beiden Sprachen gehalten werden. Für die Übersetzung sorgt Irina Roslowa, Sie ist Mitarbeiterin im Pfarrbüro und studierte Germanistin. Problematisch ist die Zweisprachigkeit nur bei seelsorgerlichen Gesprächen. Da muss der Pfarrer vorher klären, ob die Übersetzerin dabei sein kann.


Die St. Annen- und St. Petri-Gemeinde hat derzeit etwas über 600 Mitglieder. Tendenz steigend. „Es ist eine quicklebendige Minderheitenkirche. Die Gemeinde verjüngt sich. Die Kindertaufen nehmen zu“, berichtet Gerhard Hechler. Das führt er auch auf das diakonische und gesellschaftliche Engagement der Gemeinde zurück. „Wir kümmern uns zum Beispiel um HIV-erkrankte Menschen und haben einen Besuchsdienst eingerichtet“. Die evangelische-lutherische Kirche ist für viele der Ort, wo über soziale Gerechtigkeit und ethische Fragen gesprochen werden kann. „Das bietet die orthodoxe Kirche so nicht“, sagt der Pfarrer.

Er will auch dafür sorgen, dass Barrieren abgebaut werden und Menschen mit Behinderung an den Gottesdiensten und am Gemeindeleben teilnehmen können. In der St. Petri-Kirche soll ein Treppenlift installiert werden. Dafür bemüht sich Pfarrer Hechler derzeit um Spenden. Denn die Gottesdienste finden im oberen Stock der Kirche statt. In der Regierungszeit von Chrustschow wurde die Kirche zu einem Schwimmbad umgebaut. Das Schwimmbecken wird zwar längst nicht mehr genutzt. Es ist aber immer noch vorhanden. Aus statischen Gründen wird es nicht entfernt. Es stabilisiert die Kirche und ist lediglich abgedeckt. Bei dem Engagement für Aids-Kranke oder Menschen mit Behinderung hat die evangelisch-lutherische Kirche eine Vorreiterrolle übernommen. Das, so die Hoffnung des Pfarrers, könnte Schule machen und auch staatliche Einrichtungen motivieren, mehr zu tun.

Hohen Zulauf bekommt die Gemeinde in St. Petersburg vor allem durch die Kirchenmusik. Die Konzerte werden stets gut besucht sowohl von Einheimischen als auch von Touristen der zahlreichen Kreuzfahrtschiffe, die in St. Petersburg anlegen. Die Kirche – es ist die größte evangelisch-lutherische Kirche in ganz Russland – könnte eine größere und bessere Orgel vertragen. Ein weiteres Spendenprojekt, das sich Gerhard Hechler auf seine Fahnen geschrieben hat.

Der bekennende Hesse, so die Selbstbezeichnung des Pfarrers, war bislang zweimal jeweils drei Monate  - solange gilt das Touristenvisum - in St. Petersburg tätig. Im Advent wird er, wie er sagt, als Weihnachtspastor zurückkehren.

Der umtriebige Pfarrer ist von der Deutschen Welle porträtiert worden. Der Film „Ein Pfarrer zum Anfassen“ des in Berlin lebenden Russen Juri Rescheto wird am 4. August um 0.30 Uhr und nochmals am 5. August um 12.30 Uhr ausgestrahlt. Interessierte können eine Kopie des Films bei Gerhard Hechler ausleihen.

Kontakt für Film und Spenden zugunsten der Gemeinde in St. Petersburg:
Pfarrer i. R. Gerhard Hechler
Tel.: 06257 / 904990
E-Mail: Gerhard-Hechler@t-online.de

Hinweis: Auf dieser Internetseite ist ab dem 04.08.2013 der Film „Ein Pfarrer zum Anfassen“ sehen: http://www.dw.de/programm/glaubenssachen/s-3668-9800

Foto oben: Gerhard Hechler vor der St. Petri-Kirche
Foto Mitte: Gerhard Hechler in der St. Petri-Kirche
Foto unten: das Sprungbecken in der St. Petri-Kirche

Text: bet
Fotos: priv.