15.07.13 Die rote Backsteinkirche hat Geburtstag - 125 Jahre Heilig-Geist-Kirche Heppenheim


„Sie schaute just vor sich über den Häusern den Turm der evangelischen Kirche, den hässlichen roten Backsteinturm der hässlichen Kirche, deren Anblick sie jedes Mal mit einer gewissen Anstrengung zu überwinden hatte“. Für die Heilig-Geist-Kirche in Heppenheim fand Paula Buber in ihrem Roman „Muckensturm“ wenig schmeichelhafte Worte. Doch so umstritten das optische Erscheinungsbild auch sein mag, die rote Backsteinkirche gehört zu Heppenheim wie der Wein, sie ist ein Wahrzeichen der Kreisstadt.

Im Jubiläumsjahr setzte die rührige Gemeinde ihre Kirche „auf Räder“. Sie fuhr als Modell mit auf dem traditionellen Fastnachtszug, zu dem stets über 100.000 Besucher kommen. Das ist kennzeichnend für die Heilig-Geist-Gemeinde mit ihrem 2.500 Mitgliedern. Sie ist der Welt zugewandt, offen für alles, ohne dabei beliebig zu sein.

Das zeigt sich zum Beispiel an Veranstaltungen des eritreischen Kulturvereins in der Heilig-Geist-Gemeinde, bei dem Engagement für den Arbeitslosentreff Lichtblick, der Partnerschaft mit den Christen der Moravian Church in Süd-Tansania oder dem christlich-islamischen Dialog. Und diejenigen, die keinen Zugang zur Gesellschaft haben,  werden manchmal zumindest für einen Tag in die Gemeinde geholt. So kommen Strafgefangene der Justizvollzugsanstalt Preungesheim in den Konfirmandenunterricht.

 „Wir sind ökumenisch unterwegs“, sagt die Vorsitzende des Kirchenvorstandes, Christel Fuchs. Und das ist wörtlich zu nehmen: mit den Katholiken in Heppenheim geht es jedes Jahr auf eine ökumenische Wallfahrt, die sie oft zu sozialen Brennpunkten führt – etwa der Flughafenseelsorge, der Arbeitsloseninitiative oder einer Behinderteneinrichtung.

Ob Weltgebetstag, Nacht der offenen Kirchen oder Werkstattgespräche mit dem katholischen Bildungswerk – die Kooperation mit der katholischen Kirche ist vielfältig. „Wir haben keine Berührungsängste. Denn wir wissen schon, wer wir sind - auch wenn wir die Kleinen sind, “ sagt Pfarrerin Karin Weißer in Anspielung auf die große katholische Kirche St. Peter, dem so genannten Dom der Bergstraße. Sichtbares Zeichen dafür, dass Heppenheim katholisch geprägt ist. 

Ökumene gibt es in der Heilig-Geist-Gemeinde buchstäblich „von Kindesbeinen“ an. „Seit 1989 haben wir die ökumenischen Kinderbibeltage, zu der immer rund 80 Kinder kommen“, betont Gemeindepädagogin Edith Zapf. Überhaupt wird die Arbeit mit den Kleinen großgeschrieben. Zum festen Bestandteil gehören die jährlichen Kinderfilmtage und auch Kindervideoprojekte. Und dass die Gemeinde Mitglied in der Allianz für den freien Sonntag in der Region Starkenburg ist, das konnten eine Zeit lang alle Passanten sehen, die an der Heilig-Geist-Kirche vorbeigingen oder vorbeifuhren (Foto).

Die Heilig-Geist-Kirche wurde am 23. August 1888 eingeweiht. Und so wird das Wochenende vom 23. bis 25. August der Höhepunkt der Jubiläumsfeierlichkeiten. Es beginnt am Freitag mit einem Mitmach-Gottesdienst von Gemeindemitgliedern und einem anschließenden Konzert vor der Kirche; gefolgt von einem Gemeindefest mit Gottesdienst und dem musikalischen Kirchenkabarett „Das schreit doch zum Himmel“ am Samstag und dem Festgottesdienst mit Kirchenpräsident Volker Jung am Sonntag. Im Anschluss lädt die Gemeinde zum Festessen rund um die Kirche ein. Zudem hat die Gemeinde zum Jubiläum das Festbuch „125 Jahre Heilig-Geist-Kirche – Ganz persönlich“ herausgegeben. Es enthält persönliche Erlebnisse unterschiedlichster Menschen mit dieser Kirche und Gemeinde. Prominentester Beitrag ist Gabriele Wohmanns biographische Betrachtung über den Vater ihres Vaters, Johannes Guyot. Er war nicht nur der erste Pfarrer der Heilig-Geist-Gemeinde, sondern auch Gründer des  Hessischen Diakonievereins. Die Schriftstellerin Gabriele Wohmann porträtiert ihren Großvater als „Pionier“, als modernen, aufgeschlossenen Menschen mit ausgeprägtem diakonischen Profil. Der Diakonie fühlt sich die Heilig-Geist-Gemeinde bis heute verpflichtet.

In letzter Zeit spürt die Gemeinde, die sich für „gottesdienstliche Gastfreundschaft“ auch gegenüber Nicht-Kirchenmitgliedern einsetzt, einen Anstieg der Gottesdienstbesucher mittleren Alters, darunter auch Kindergarten-Eltern. „Wir spüren eine Aufwärts-Bewegung“, formulieren es Pfarrerin Weißer und Pfarrer Sticksel zurückhaltend. Vielleicht eine Frucht der langjährigen Kinder- und Jugendarbeit.

Das eingangs erwähnte Buch „Muckensturm“ beschreibt die schleichende Nazifizierung einer deutschen Kleinstadt nach 1933. Die Beschreibung der Örtlichkeiten lässt keinen Zweifel zu: mit Muckensturm ist Heppenheim gemeint, auch wenn der Ehemann der Autorin, der Religionsphilosoph Martin Buber, der bis 1938 mit seiner Familie in Heppenheim lebte, stets betonte, es könne sich um eine beliebige deutsche Kleinstadt handeln. Wie in dem Roman geschildert hatte ein den Nazis nahestehender Pfarrassistent den damaligen Pfarrer Hermann Hechler, der Vertrauensmann der Bekennenden Kirche war, mit der Faust ins Gesicht geschlagen und einen Mob gegen ihn mobilisiert. Auch das gehört zur 125jährigen Geschichte der Heilig-Geist-Kirche in Heppenheim.

Nähere Informationen zu den Jubiläumsveranstaltungen unter:
http://www.heilig-geist-heppenheim.de


Text u. Foto: bet