07.05.13 "Trittsteine auf dem Weg durch die Trauer" - Neue Ehrenamtliche für die Notfallseelsorge


Im Kreis Bergstraße wird Ökumene großgeschrieben: Die evangelische und die katholische Kirche sowie mehrere Hilfsverbände ziehen seit Jahren gemeinsam am Strang der ehrenamtlichen Notfallseelsorge (NFS). In ihrem Auftrag wurden jetzt in Lampertheim sechzehn Ehrenamtliche neu in ihren Dienst eingesegnet. Fünf weitere wurden für zehn Jahre Mitarbeit geehrt.

Ein überraschtes Raunen geht durch den hohen Raum der Lutherkirche in Lampertheim, als Pfarrerin Barbara Tarnow lächelnd einen ebenso lächelnden Gartenzwerg auf die Kanzel stellt. „Wir sind keine Gartenzwerge“, beginnt sie ihre Predigt. Gleichermaßen gebannt wie belustigt schauen die rund 120 Gäste auf das unerwartete Artefakt. Doch was haben Gartenzwerge mit der Notfallseelsorge im Landkreis Bergstraße zu tun? Um letztere geht es in diesem abendlichen ökumenischen Gottesdienst. Unter den Gästen befinden sich neben Mitgliedern der evangelischen und der katholische Kirche auch Aktive der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), der Freiwilligen Feuerwehr (FFW) und der Johanniter Unfallhilfe (JUH). Sie alle sind gekommen, um sechzehn Männer und Frauen aus dem gesamten Kreisgebiet bei ihrer Einsegnung zur Mitarbeit und zur Hospitation in der Notfallseelsorge zu begleiten.

Was die Gartenzwerge von den Menschen unterscheide, sei der Atem, predigt Pfarrerin Tarnow, die die ehrenamtliche Ausbildung leitet und organisiert. Der biblischen Schöpfungsgeschichte nach habe Gott dem Menschen den Atem und damit das Leben eingehaucht. „Gott hat uns das Leben anvertraut“, sagt sie. „Wir sind nicht ausgeliefert, sondern haben Gottes ganze Liebe.“ Sie spricht von der Mund-zu-Mund-Beatmung bei Atemstillstand und davon, dass der englische Begriff „kiss of life“ als Begriff deutlich stärker ausdrücke, wie die Verbindung von Atem, Liebe und Gott sei. Dann betont sie, dass menschliches Tun Folgen habe, manchmal segensreiche, manchmal schmerzhafte, die es auszuhalten gelte.

Schon zu Beginn des Gottesdienstes hatte der Evangelische Dekan Karl Hans Geil (Ried) im Auftrag der Dekanate Bergstraße und Ried die Anwesenden mit den Worten begrüßt: „Ich will euch segnen und ihr sollt ein Segen sein“. Darum gehe es – den von Gott empfangenen Segen an andere weiterzugeben, selbst zum Segen zu werden. Pfarrerin Tarnow macht die Motivation deutlich: „Ihr habt Euch entschieden, für andere Menschen da zu sein und dazu hat euch eure Dankbarkeit motiviert.“

Um diese Motivation umzusetzen, haben die sechzehn Ehrenamtlichen ein halbes Jahr lang manchen Samstag geopfert, haben sich hinterfragen und beschwingen lassen, wie Tarnow erklärt. „Das Netz der Notfallseelsorge im Kreis Bergstraße wird durch euch sichtbar“, bekräftigt sie und bezeichnet sie als „Trittsteine auf dem Weg durch die Trauer“. Mit der Hand auf dem Gartenzwerg empfiehlt sie zum Schluss ihrer Predigt, hin und wieder bewusst auf den Atem zu achten: Denn im Ein- und Ausatmen werde deutlich, dass Gott die Menschen trage und erfülle.

Vor der Einsegnung macht der katholische Ordinariatsrat Hans-Jürgen Dörr darauf aufmerksam, dass alle Träger trotz eines je eigenen Selbstverständnisses die gleichen Aufgaben hätten. Seelsorge sei eine Grundaufgabe der Kirche. Hier gelte es, „ganz nah bei den Menschen zu sein, in der Trauer und der Ohnmacht, in der Leere, der Verzweiflung und der Gottesfinsternis.“

Schließlich werden die sechzehn in ihren Dienst eingesegnet. Eine siebzehnte wird für ihren Dienst bestätigt. Direkt danach helfen ihnen ihre so genannten „Patinnen und Paten“ in ihre offiziellen Dienstjacken. Damit sind es nun 69 Frauen und Männer, die offiziell über die verschiedenen Träger ihren Dienst in der ehrenamtlichen Notfallseelsorge versehen. Im Anschluss werden fünf Altgediente für zehn Jahre ehrenamtliche Mitarbeit in der NFS geehrt. Das sind zehn bewegende Jahre, wie Barbara Tarnow verdeutlicht; Jahre, in denen rückblickend keine Situation der anderen gleicht, in der Leid und Not auf ganz unterschiedliche Weise geteilt wurden. Von der Kanzel her lächelt der atemlose Gartenzwerg. Er kann nicht anders. Die Ehrenamtlichen schon.



Foto oben: Silvia Duske (Bensheim/kath. Kirche), Brigitte Freudenberg (Fürth/evang.Kirche), Regina Kahl (Fürth/evang. Kirche), Axel Kopatschek (Einhausen/evang.Kirche), Andrea Kronauer (Neckarsteinach/DRK), Tanja Leonhardt (Pfungstadt/DRK), Petra Nieder (Rimbach/kath. Kirche), Brigitte Osberger (Weinheim/evang.Kirche), Annkatrin Reising (Lautertal/FFW), Beate Schmitt (Bensheim/DLRG), Gerhard Schmitt (Bensheim/DLRG), Gabriele Schneider (Lindenfels/FFW), Hubert Simonis (Lampertheim/DLRG), Jürgen Ulrich (Bensheim/evang. Kirche), Gisela Wasserer (Bensheim/evang. Kirche), Stefanie Zott-Brandis (Viernheim/JUH)
Mit im Bild: Pfarrerin Barbara Tarnow (Dekanat Bergstraße), Bärbel Kilian (Lampertheim/ Organisation des Gottesdienstes) und die im Amt bestätigte Gerlinde Bannert (kath. Kirche)

Foto unten: für ihre zehnjährige Mitarbeit in der NFS wurden geehrt von links: Engelbert Renner (Viernheim), Bärbel Kilian (Lampertheim), Andrea Schwarz (Lorsch), Volker Steiger (Zwingenberg), Konrad Eisenhauer (Heppenheim) mit Pfarrerin Tarnow (rechts)

Text u. Fotos: Christian Lechelt