05.04.13 Was bleibt vom Kirchentag in Hamburg? Zwei bilanzierende Kommentare


Was bleibt?

Bunt, vielfältig, abwechslungsreich und mit 2.500 Veranstaltungen sowie überfüllten Kirchen und Hallen voll in jeder Beziehung – so präsentierte sich der evangelische Kirchentag in Hamburg. Zigtausende Gläubige mit ihren blauen Kirchentagschals prägten in den vergangenen fünf Tagen das Stadtbild.

Vielfalt ist die Stärke und das Markenzeichen der evangelischen Kirche. So gab es in Hamburg einen kunterbunten Reigen an Veranstaltungen – von allem etwas: etwas Frieden, etwas Gerechtigkeit, etwas Bewahrung der Schöpfung, etwas internationale Verantwortung, etwas Spiritualität, etwas Ökumene. Doch kein Thema entwickelte sich bei diesem Kirchentag zu einem Kristallisationspunkt, kein Thema hatte ein Gewicht, dass es öffentliche Wirkung entfaltete und bei keinem Thema schieden sich die Geister. Kontroversen, hitzige Diskussionen? Fehlanzeige!

„Der Kirchentag ist nicht mehr die Höhle des Löwen“ titelte eine Berliner Tageszeitung. Das zeigte sich zum Beispiel daran, dass die Politiker/innen gleich welcher Couleur in Hamburg ein Heimspiel hatten. Ob Merkel oder Steinbrück – überall höflicher, mitunter lautstarker Applaus. Als Helmut Kohl Bundeskanzler war, blieb er evangelischen Kirchentagen fern. Er wusste, warum! Die Harmoniesucht unter den Kirchentagsbesuchern in Hamburg war groß, jedenfalls größer als die Bereitschaft zum Streit. Und dabei gibt es genügend triftige Gründe, kontroverse Auseinandersetzungen zu führen.

Ein Beispiel von vielen: in mehreren Veranstaltungen wurden die Opfer beim Einsturz der Textilfabrik in Bangladesch beklagt. Beklagt wurde auch, dass wir in Deutschland unbestreitbar Teil eines Wirtschaftskreislaufes sind, in dem zu Billigst-Löhnen in Südostasien Kleidung hergestellt wird, die zu Billigst-Preisen hier gekauft wird. Doch welche Konsequenzen zog der Kirchentag daraus? Keine! Die Kritik blieb wie bei vielen anderen Themen folgenlos.

Man stelle sich nur vor, der Kirchentag hätte in einer Resolution mit (prominentem) Nachdruck von allen in Deutschland tätigen Textilhandelsunternehmen verlangt, lückenlos offenzulegen, unter welchen Bedingungen die von ihnen verkauften Kleidungsstücke hergestellt werden. Und wenn der Kirchentag diese Forderung mit der Ankündigung verknüpft hätte, öffentlich dazu aufzurufen, keine Kleidung mehr von den Unternehmen zu kaufen, die diese Transparenz nicht gewährleisten oder die Waren von Firmen beziehen, die keinen Mindestlohn zahlen und grundlegende Arbeitsschutzbestimmung missachten, dann wäre Schluss mit der Harmonie. Dann wäre öffentlicher Streit programmiert, wer was und wie viel wir wirklich brauchen. Und der Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung bekäme eine neue, konkrete Qualität.

Vielfalt, so begrüßenswert sie ist, steht auch immer in Gefahr in Beliebigkeit umzuschlagen. Beliebigkeit hat zur Folge, dass alle Themen, die auf dem Kirchentag behandelt wurden, gleich - wichtig, gleich - wertig und letztlich gleich - gültig werden.

Was also bleibt vom Kirchentag in Hamburg?

Für mich sind es die „Nervensägen“, die die Theologin Margot Käßmann so leidenschaftlich gefordert hat. Die Gesellschaft brauche Menschen, die nerven. Wer die Gesellschaft gerechter, die Welt besser machen wolle, müsse nerven, müsse den Mächtigen auf den Wecker fallen – nicht einmal, sondern immer wieder. „Christinnen und Christen müssen Nervensägen sein“ – vermutlich wird dieser Satz so häufig zitiert werden, dass er uns richtig auf die Nerven fällt. Doch ohne Nervensägen gibt es nun mal keine Veränderung. Und Nervensägen haben einen langen Atem. Deshalb auf nach Stuttgart zum Kirchentag 2015!

Berndt Biewendt  

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Was bleibt?

Für mich war es wertvolle Zeit, die mein Mann und ich mit unseren Kindern verbringen konnte. ( Sohn 26/ Tochter 29 und ihr Freund) Gelegentlich haben wir verschiedene Veranstaltungen, je nach Interessenlage, besucht.

Wir hatten alles, was wir brauchten: Gemeinschaft, Unterhaltung, Zuwendung, Stille und "Action", eine gute Unterkunft, sehr leckeres Essen ( ich liebe Fisch!) und natürlich hat das tolle Wetter auch die Laune noch gehoben.

Das Motto "Soviel du brauchst" werde ich am kommenden Sonntag auch für meine Ansprache an die Konfirmierten in Wald-Michelbach zum Thema nehmen. Wer alles hat, was er braucht, sollte sich überlegen, ob er immer noch mehr von allen möglichen Dingen haben muss und auch, ob er teilen kann und will.

Gut hat mir beim Schlussgottesdienst gefallen, wie Bischoff Blaines zu Beginn von seinem kleinen Sohn erzählte, dessen Augen manchmal größer sind als der Magen. Wann merken Erwachsene wann es genug ist.. nicht nur mit dem Essen, sondern auch bei allerlei Anschaffungen. Was brauchen wir wirklich? Als Kind hatte ich ein Armbändchen mir drei Anhängern - Kreuz, Herz und Anker- Glaube, Liebe und Hoffnung. In den vergangenen Tagen bin ich daran oft erinnert worden. Das ist, was ich brauche.

Fazit: Insgesamt hat mich der Kirchentag im wahrsten Sinne des Wortes begeistert. Von den schönen Begegnungen und Erlebnissen werde ich innerlich noch lange zehren. Gerade beim Schlussgottesdienst wurde es mir wieder sehr bewusst - wir sind doch viele und die Jugend ist mit dabei.

Ärgerlich finde ich immer, dass manche Veranstaltungen in zu kleinen Räumlichkeiten stattfinden. Anscheinend waren mehrere Bergsträßer mit in der Schlange vor dem Thalia Theater.

Die überfüllten Hallen gehören wohl dazu. Leider kann man auch nicht zwei Veranstaltungen gleichzeitig besuchen- ich hätte noch an vielen Interesse gehabt.

Schade auch, dass der Posaunenchor von Wald-Michelbach gemeinsam mit dem aus Raunheim an einer verkehrsreichen Ecke in Harburg spielte...Zuhörer nur vereinzelt. Es gibt so viele Plätze (vielleicht auch Altenheime?) in Hamburg, warum mussten die Posaunen gegen den Verkehrslärm anspielen?

So Gott will und wir leben, werde ich in Stuttgart wieder dabei sein.

Ute  Gölz