26.04.13 Neuordnung der Dekanate - Interview mit der Stellvertreterin des Kirchenpräsidenten der EKHN


Die Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hat sich gestern auf ihrer Tagung in Frankfurt mit der Neuordnung der Dekanate befasst. Aus den bisher 47 Dekanaten sollen in den kommenden sechs Jahren 25 werden. Das Dekanat Ried soll nach dem Entwurf für das entsprechende Kirchengesetz aufgelöst und sein südlicher Teil mit den Kirchengemeinden in Biblis, Bürstadt, Groß Rohrheim und Lampertheim dem Dekanat Bergstraße angegliedert werden. Darüber sprachen wir mit einer ausgewiesenen Kennerin der Kirche in der Region: der Stellvertreterin des Kirchenpräsidenten der EKHN und früheren Bergsträßer Dekanin Ulrike Scherf.

Frau Scherf, ab 2016 sollen vom bisherigen Dekanat Ried weitere zehn Gemeinden dem Bergsträßer Dekanat angegliedert werden, das dann aus 44 Kirchengemeinden bestehen wird. Kann unter diesen Bedingungen Kirche in der Region – und das gehört ja zu den Aufgaben eines Dekanats -  überhaupt noch sinnvoll gestaltet werden?

Über diesen Vorschlag wird erst im Herbst entschieden und ich bin mir sicher, dass die Synode alle Argumente gut abwägen wird. Sollte die Synode beschließen, dass das Dekanat Bergstraße um 10 Gemeinden aus dem jetzigen Dekanat Ried erweitert werden soll, so wären dies Gemeinden aus dem Landkreis Bergstraße. Eine der Aufgaben des Dekanats ist die Vertretung der evangelischen Kirche in der Öffentlichkeit. Im Landkreis Bergstraße kann die Stimme der evangelischen Kirche dadurch weiter gestärkt werden. Das regionale Diakonische Werk in Bensheim sowie die Notfallseelsorge Bergstraße sind schon heute ebenfalls für die südlichen Gemeinden im Ried zuständig. Und seit längerem werden auch Fortbildungen für Ehrenamtliche oder Ausbildungskurse für Prädikantinnen und Prädikanten gemeinsam angeboten oder genutzt. Diese Arbeit zu fördern, gehört zur Gestaltung der Kirche in der Region. In manchen Bereichen kann es daher Synergien geben, manches wird aber auch neu zu entwickeln sein.
                                                                                                                                       
Im bestehenden Bergsträßer Dekanat haben sich ja bereits jetzt schon Teilregionen herausgebildet - etwa die Gemeinden der nördlichen Bergstraße oder des Weschnitztales. Wenn mit der Neugliederung das Bergsträßer Dekanat  zum - nach Frankfurt - zweitgrößten Dekanat in der EKHN wird, zerfällt dieses Großdekanat mit seinen dann rund 93.000 Gemeindemitgliedern nicht notgedrungen immer stärker in Teilregionen, die nichts oder nicht viel miteinander zu tun haben?

Das Dekanat würde um ca. ein Fünftel größer. Das ist nicht wenig, aber auch kein Quantensprung. Die im Dekanat bewährten Arbeitsformen wie die Synoden und Dekanatskonferenzen (mit Gesamt- und Regionaltagungen) könnten Bestand haben – und um eine Teilregion im Ried ergänzt werden. So wären sowohl die regionalen Besonderheiten als auch die gemeinsamen Anliegen berücksichtigt. Natürlich muss dies gut bedacht und sorgsam gestaltet werden.  Ich persönlich finde viel gravierender, dass das Dekanat Bergstraße erst vor sieben Jahren aus einer Vereinigung entstanden ist und nun schon wieder mit einer Veränderung konfrontiert wäre. Und dass es für die Gemeinden im Ried kein einfacher Schritt ist, wenn ihr Dekanat aufgelöst wird, versteht sich von selbst. Die Erfahrungen mit der zurückliegenden Dekanatsveränderung aber können sicher hilfreich sein, um neue Gemeinden zu integrieren, ohne die gesamte Dekanatsarbeit neu gestalten zu müssen.   

Sechs Kirchengemeinden des Dekanats Bergstraße  – das sind Seeheim, Jugenheim, Alsbach, Hähnlein, Bickenbach und Ober-Beerbach – liegen im Landkreis Darmstadt-Dieburg. Und das soll nach dem Willen der EKHN auch so bleiben. Warum hat die Kirchenleitung nicht den Mut aufgebracht, die Dekanate gemäß der Landkreisgrenzen neu zu ordnen?

Die Kirchenleitung hat im Vorfeld des jetzigen Vorschlags zur Neuordnung der Dekanate alle Dekanate um Stellungnahme gebeten. In diesen wurde mehrfach betont, dass die Landkreise nicht das alleinige Kriterium sein sollen. Dass die Kirchenleitung nicht über diese Rückmeldungen hinweggeht, halte ich nicht für fehlenden Mut, sondern für ein Ernstnehmen der Basis.

Nun ist die Arbeit etlicher Einrichtungen bewusst auf Landkreisebene organisiert worden. So ist für die Kirchengemeinden, die im Landkreis Darmstadt-Dieburg liegen, nicht das Diakonische Werk Bergstraße, sondern die Diakonie Darmstadt-Dieburg zuständig. Und erste Hilfe für die Seele kommt für sie nicht von der Notfallseelsorge Bergstraße, sondern von der entsprechenden Darmstädter Einrichtung. Ob die Kirche nun diakonische, seelsorgerliche oder gesellschaftliche Arbeit leistet, die Orientierung an Landkreisgrenzen macht doch vieles einfacher. Warum leistet sich die evangelische Kirche diese Doppel-Strukturen?

Weil sich kirchliches Leben nicht auf dem Reißbrett entwickelt. Kooperationen und Zusammengehörigkeit wachsen vor Ort. Dieses Netz der gegenseitigen Unterstützung in den Nachbarschaftsbereichen soll gestärkt und im Zweifelsfall nicht durch Landkreisgrenzen zerschlagen werden. Wenn Menschen in einer akuten Krise Hilfe brauchen, ist es wichtig, dass die Notfallseelsorge und das Diakonische Werk da sind – und es ist völlig egal, ob die Vertreter in den Leitungsgremien aus mehreren Dekanaten kommen oder nur aus einem. Die Dekanate sind ja nicht verschiedene „Vereine“, sondern eine Kirche und haben den gemeinsamen Auftrag, für die Menschen da zu sein.

Heute heißt es 28 zu sechs, ab 2016 dann 38 zu sechs. So wird sich das Zahlenverhältnis der „Bergsträßer“ Kirchengemeinden zu den „Darmstadt-Dieburger" Kirchengemeinden im Dekanat darstellen. Wenn das Gewicht der Gemeinden, die im Landkreis Bergstraße liegen, noch größer wird, müssen die sechs Darmstadt-Dieburger nicht fürchten, an den Rand gedrängt zu werden?

Diese Sorge gab es schon 2006 bei der Vereinigung zum Dekanat Bergstraße, denn vorher war das Verhältnis 14 zu 6. Nach meinem persönlichen Eindruck hat das Dekanat tatsächlich stärker in den Landkreis Bergstraße hineinwirken können – etwa beim Einsatz für den Sonntagsschutz oder für mehr Gerechtigkeit und Teilhabe für Menschen, die von Armut bedroht sind. Aber auch im Landkreis Darmstadt-Dieburg hat das Dekanat entsprechende Anstöße gegeben und Initiativen unterstützt sowie beim regelmäßigen Austausch der Religionsvertreter mit dem Landkreis Anliegen aus den nördlichen Dekanatsgemeinden eingebracht. Für die Kirchengemeinen der Nördlichen Bergstraße wäre es sicher wichtig, dass dies weitergeführt wird.
Sollten sie sich aber im Laufe der Zeit doch nicht gut durch das größer gewordene Dekanat Bergstraße vertreten fühlen, können sie ihrerseits einen Dekanatswechsel anstreben. Diese Freiheit besteht. Allerdings haben die bisherigen Erfahrungen die Zusammengehörigkeit im bisherigen Dekanat eher bestätigt. So gehört z.B. zur gut zusammenarbeitenden Region der Nördlichen Bergstraße auch die Kirchengemeinde Zwingenberg im Landkreis Bergstraße. Und auch die schulischen Bezüge überschreiten die Landkreisgrenzen, nicht nur an der Melibokusschule in Alsbach.

Fragen und Foto: bet