16.04.13 Das Sonntags-Interview Folge 10 - "Ich wünsche mir ein offensiveres Vorgehen der Kirchen"


In der Reihe „Das Sonntags-Interview“ haben die evangelischen Dekanate Bergstraße und Darmstadt-Stadt Prominente aus der Region befragt, wie sie zum freien Sonntag stehen. Wir haben die Interviews in loser Folge veröffentlicht. Zum Abschluss der Reihe das Sonntags-Interview mit dem früheren Landrat des Kreises Bergstraße, Norbert Hofmann.

Wie können Politiker für Sonntagsschutz sein, wenn sie selbst sonntags ständig arbeiten? Ich denke, Sie haben in ihrer aktiven Zeit als Bürgermeister oder Landrat da keine Ausnahme gemacht.
Ich räume ein, dass ich bei der Sonntagsarbeit keine weiße Weste habe. In den sechs Jahren als Erster Stadtrat und den darauffolgenden zehn Jahren als Bürgermeister von Viernheim habe ich immer wieder sonntags arbeiten müssen.  Wenn die Feuerwehr an einem Sonntag ihr 100jähriges Jubiläum feiert, dann können sie es sich als Bürgermeister nicht leisten, dieser Veranstaltung fernzubleiben. Ich habe sonntags in offizieller Funktion auch schon bei der Verabschiedung eines evangelischen Pfarrers teilgenommen. Ich habe erst lernen müssen, auch mal Nein zu sagen. Als Landrat habe ich Termine am Sonntag nur noch wahrgenommen, wenn es gar nicht anders ging.

Warum steht der freie Sonntag so unter Druck? Und warum hält die Politik nicht dagegen?
Die Globalisierung hat der Sonntagsarbeit Vorschub geleistet.  Wir erleben eine Ökonomisierung unseres Lebens in allen Bereichen. Der wirtschaftliche Druck ist so groß geworden, dass das Primat der Politik eingeschränkt ist. Nach der Devise „allen wohl, niemand weh“ kann man nicht gegensteuern. 

Und wie kann man gegensteuern?
Es braucht Mut, sich gegen mächtige Wirtschaftsinteressen zu stemmen. Mit einem parteiübergreifenden Grundkonsens in der Sonntagsfrage wären wir schon einen Schritt weiter. Die Politik braucht dafür auch Rückendeckung. Ich wünsche mir ein offensiveres Vorgehen der Kirchen in der Sonntagsfrage. Ihre kräftige Stimme kann maßgeblich dazu beitragen, dass ausgetretene Pfade verlassen werden und die Gesellschaft die Bedeutung des freien Sonntags wieder grundsätzlich diskutiert.

Was bedeutet der freie Sonntag für Sie persönlich?
Früher habe ich, wenn ich nicht arbeiten musste, immer etwas mit der Familie und meinen beiden Kindern unternommen. Gemeinsam sind wir zum Beispiel häufig mit dem Fahrrad ins Grüne gefahren. Später habe ich die freie Zeit genossen, um zu entspannen und zu lesen. Der freie Sonntag ist für mich aber nicht nur ein Tag der Ruhe und ein Tag für die Familie. Er ist auch vorbeugender Gesundheitsschutz.  Wir sehen doch, wie viele Menschen heute ausgebrannt sind und es werden immer mehr. Gegen die zunehmende psychische Erschöpfung  brauchen wir den Sonntag als bewusste Unterbrechung des Alltags, als Pause, um wieder auftanken zu können.

Norbert Hofmann war von 1987 bis 1997 Bürgermeister der Stadt Viernheim. Von 1997 bis 2003 amtierte er als Landrat des Kreises Bergstraße. Er wohnt in Viernheim.