04.03.13 Das Sonntags-Interview Folge 6 - "Wenn unsere Kinder sonntags arbeiten müssten, hätten wir ein Problem"


In der Reihe „Das Sonntags-Interview“ haben die evangelischen Dekanate Bergstraße und Darmstadt-Stadt Prominente aus der Region befragt, wie sie zum freien Sonntag stehen. Wir veröffentlichen die Interviews in loser Folge. Heute das (Doppel-) Interview mit Dr. Helga Wiest und ihrem Mann Dr. Ekkehard Wiest, der 30 Jahre lang Chef des südhessischen Autohauses Wiest war. Beide sind promovierte Volkswirtschaftler.

Wie sieht bei Ihnen ein normaler Sonntag aus?
HW: Sonntags gehen wir in der Regel in die Kirche, essen dann zuhause und machen uns danach auf den Weg zu unserer Tochter und ihrer Familie in Schifferstadt. Ich freue mich auf diese Sonntage. Wir sind Rentner und haben für die meisten anderen Freizeitbeschäftigungen unter der Woche Zeit.

Mit dem Blick zurück – gab es bei Ihnen Arbeit am Sonntag?
EW: Allenfalls gab es die im Garten. Das Autohaus war sonntags zu. Unsere drei Kinder habe ich unter der Woche viel zu selten gesehen. Ich bin um 7 Uhr morgens aus dem Haus und gegen 18 Uhr abends wieder gekommen. Da habe ich mich gefreut auf den Sonntag mit den Kindern.

Wie stehen Sie überhaupt zur Arbeit am Sonntag ?
EW: Zugegeben wäre ich sauer, wenn ich sonntags in ein Lokal ginge und es wäre keine Bedienung da. Es muss sonntags gearbeitet werden können. Oder aber wir leben wie die strenggläubigen Juden.

HW: Zum Beispiel, wenn unsere Kinder sonntags arbeiten müssten, hätten wir ein Problem. Wenn etwa unser Sohn aus Frankreich mit seinem kleinen Sohn kommt, dazu noch unsere beiden Töchter angereist kommen, um mit uns gemeinsam den Tag zu verbringen, wäre es schwieriger, einen Termin zu finden, wenn jeder unterschiedlich frei hätte.

Sollte man den arbeitsfreien Sonntag schützen?
EW: Das hat etwas zu stark Reglementierendes. Ich glaube, es gibt immer weniger Menschen, die den arbeitsfreien Sonntag schätzen. Am schönsten fänden sie es wohl, einkaufen zu gehen. Ich erinnere mich als Kind: da durfte man beispielsweise in England sonntags sogar kein Fußballspielen. Da gab es die Kirche und sonst kaum etwas Anderes. Aber das hat sich mittlerweile geändert.

HW: Man muss es trennen. Zum einen die Berufsarbeit, zum anderen, was man für sich macht. Ich fände es schlecht, wenn jemand die Polizei ruft, weil der Nachbar sonntags im Garten arbeitet. Aber: bei der Berufsarbeit läuft es auf „freiwillig auf Zwang“ hinaus. Wenn der Einzelhandel sagt: wir arbeiten nur mit Kräften, die bereit sind, am Sonntag zu arbeiten, vermindert das auch die Einstellungschancen von Frauen mit Kindern.

EW: Da bist Du aber nicht konsequent. Denn bisweilen holst Du sonntags Brötchen beim Bäcker.

HW: Ich gebe zu, das hat etwas Verführerisches… Aber wenn der Einzelhandel sonntags öffnet, hat das auch Folgen für andere Bereiche.

Herr Dr. Wiest, Sie scheinen die Sache mit dem freien Sonntag etwas gelassener zu sehen?
EW: Ich bin entspannter, weil es den meisten Leuten heute nicht mehr viel bedeutet. Aber ich bin nicht dafür, den freien Sonntag abzuschaffen. Auch wenn er nicht mehr der Tag des Herrn ist wie früher...Bei meinen Nachforschungen als Stadthistoriker habe ich gelesen, dass es in Darmstadt eine Zeit gab, im Jahr 1905, da konnte der Einzelhandel sonntags für zwei Stunden öffnen. Bis es bei einer Versammlung von Angestellten und freiberuflichen Kaufleuten eine Abstimmung gab, danach wurde diese Regel wieder abgeschafft. Mit der Begründung „die vollständige Sonntagsruhe sei notwendig, um einen gesunden und kräftigen Volksstamm zu erhalten“. Nun ja...

 

Hinweis: Die Sonntags-Interviews können auch in einer Broschüre nachgelesen werden, die gegen eine kleine Spende abgegeben wird. Sie ist erhältlich im Haus der Kirche, Heppenheim, Ludwigstr. 13, Tel.: 06252/673331; E-Mail: oeffentlichkeitsarbeit@haus-der-kirche.de