26.02.13 „Eine Stunde für uns! Eine Stunde für die Familie! Eine Stunde fürs Leben!“ - Durch Nacht zum Licht?


„Durch Nacht zum Licht?“ heißt eine Sonderausstellung im Mannheimer Landesmuseum für Technik und Arbeit über die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Die Kirchen spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle. Und doch ist die Ausstellung aus kirchlicher Sicht höchst aufschlussreich und bemerkenswert.

Bildung war für die Reformation ein zentrales Anliegen. "Keine Aufgabe ist Gott so wohlgefällig wie die Erforschung und Verbreitung von Wahrheit und Gerechtigkeit… Deshalb kann kein Zweifel daran bestehen, dass der Lebensform des Lehrens und Lernens das größte Wohlgefallen Gottes gilt und dass den Schulen im Blick darauf der Vorrang vor den Kirchen und Fürstenhöfen gebührt.“ So hatte der Reformator Philipp Melanchton den Wert von Schule und Bildung betont. Und das ist das erste, was in der Mannheimer Ausstellung auffällt: der enorme Stellenwert, den die Bildung für die Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert hatte.

Das zeigt sich an der Vielzahl der Arbeiterbildungsvereinen, der Einrichtung von Arbeiter-Bibliotheken und sogar anhand einer alten Taschenuhr (Foto rechts), die in der Ausstellung gezeigt wird, mit den eingravierten Sätzen: „Wir wollen acht Stunden zur Arbeit; acht Stunden um uns auszubilden, acht Stunden um uns auszuruhen.“ Bildung ist für die Arbeiterbewegung um 19. Jahrhundert die entscheidende Voraussetzung, die gesellschaftliche Entwicklung verstehen und verändern zu können. Es ist der Schlüssel zur Emanzipation.

Mit Beginn der Industrialisierung wurde der Sonntagsschutz schrittweise ausgehöhlt. Es war ein schleichender Prozess. Sonntagsarbeit wurde allmählich die Regel. Es dauerte lange, bis der Sonntag mit dem Arbeitsschutzgesetz von 1891 wieder unter Schutz gestellt wurde. Dies war einem damals ungewöhnlichen Bündnis zu verdanken. Kirchen und Arbeiterbewegung hatten sich gemeinsam für den arbeitsfreien Sonntag eingesetzt.

Den Kampf für den freien Sonntag greift die Ausstellung nicht gesondert auf, sie räumt aber der Auseinandersetzung um Arbeitszeitverkürzung einen großen Raum ein. Und dabei zeigen sich erneut Berührungspunkte zwischen Arbeiterbewegung und Kirche.




Bei den Streiks und Arbeitskämpfen ging es nicht allein um bessere Bezahlung, sondern auch und gerade um freie Zeit – für die Familie, für die Bildung, für die Muße und für die Besinnung. „8 Stunden Arbeit, 8 Stunden Muße, 8 Stunden Schlaf“ heißt es auf einem Anhängerbändchen zum 1. Mai des Jahres 1891 (Foto rechts).

Die Forderung der Textilarbeiterinnen von Crimitschau bei ihrem großen, mehrmonatigen Streik von 1903/1904 für den 10-Stundentag (statt des bis dahin geltenden 13-Stundentages) lautete: „Eine Stunde für uns! Eine Stunde für die Familie! Eine Stunde fürs Leben!“

Neben den Arbeiterbildungsvereinen gab es eine Vielzahl von Arbeitersportvereinen, die zum Teil auf Distanz zum Schneller-Höher-Weiter der bürgerlichen Gesellschaft gingen. Die Ausstellung zeigt die Urkunde eines Radvereins (2. Bild von unten), der einen Preis für das Langsam-Fahren (!!!) auslobte. Das wirkt auf den Betrachter wie ein Vorgriff auf die heutigen Bemühungen, der rasanten Beschleunigung in der 24-Stunden-rund-um-die-Uhr-Gesellschaft  etwas entgegen zu setzen.

Fast schon rührend wie die Katholischen Arbeitervereine als Teil der Arbeiterbewegung den Wert der Arbeit biblisch begründen. Auf einem Holzrelief des katholischen Gesellenvereins Stuttgart von 1874 sind zwei Holzarbeiter zu sehen - mit der Inschrift: „Ist er nicht des Zimmermanns Sohn?“ - darunter die Begriffe „Weisheit, Verstand, Rat, Stärke, Wissenschaft, Gottseligkeit“.




Die großen Streiks vor allem im Bergbau gegen Ende des 19.Jahrunderts – auch das macht die Ausstellung deutlich – führten dazu, dass der damalige Papst Leo VIII. die katholische Soziallehre präzisierte.

Der Titel der Ausstellung (Bild oben das Plakat zur Ausstellung) stammt aus dem Knappenlied, das 1889 von streikenden Bergarbeitern im Ruhrgebiet gesungen wurde: „Glück auf, Kameraden, durch Nacht zum Licht!“ Das Ausrufezeichen haben die Ausstellungsmacher durch ein Fragezeichen ersetzt „Durch Nacht zum Licht?“ Der Grund wird am Ende der Ausstellung deutlich. Sie zeigt finstere Bildschirmarbeitsplätze in einem Call-Center und die einer bekannten Kopfschmerztablette nachempfundenen Medikamentenpackung mit der Aufschrift: Mindestlohn – Gegen Lohndumping und Armut trotz Arbeit (Bild unten).

Die Ausstellung im Technoseum, Mannheimer Landemuseum für Technik und Arbeit, Museumsstraße 1, ist noch bis zum 25. August zu sehen.

 

 

 

 

 

Text u. Fotos: bet