23.01.13 Das Sonntags-Interview Folge 2 - "Sonntagsarbeit ist tödlich für das kulturelle Leben"


In der Reihe „Das Sonntags-Interview“ haben die evangelischen Dekanate Bergstraße und Darmstadt-Stadt Prominente aus der Region befragt: Wie stehen sie zum freien Sonntag, was halten sie von Sonntagsarbeit und wie verbringen sie ihren Sonntag. Wir veröffentlichen die Interviews in loser Reihenfolge. Heute das Sonntags-Interview mit dem Schauspieler Walter Renneisen ist Schauspieler. Er lebt in Bensheim.

Herr Renneisen, gehen Sie sonntags einkaufen?
Nein! Sonntags sollten Geschäfte unter keinen Umständen öffnen. Die Arbeit muss ruhen. Wir müssen zur Besinnung kommen. Wir brauchen eine Zeit des Innehaltens. Die Menschen brauchen einen gemeinsamen, verbindlichen freien Tag. Nicht nur Sonntage, auch Feiertage sind für unser Leben segensreich.

Sie selbst arbeiten aber sonntags!
Natürlich! Schauspieler stehen oft sonntags auf der Bühne, weil dann viel mehr Menschen Theateraufführungen besuchen können als unter der Woche. Früher habe ich fast jeden Sonntag gearbeitet, heute mindestens jeden zweiten Sonntag. Sonntagsarbeit sollte es aber nur dort geben, wo es unbedingt notwendig ist – etwa in Krankenhäusern, bei der Bahn oder eben im Theater.

Was bedeutet Sonntagsarbeit für die Kultur?
Sonntagsarbeit ist tödlich für das kulturelle Leben. Schon die verlängerten Ladenöffnungszeiten wochentags waren für die Kultur ein ganz schwerer Schlag. Wer bis 22.00 Uhr arbeiten muss, kann nicht ins Konzert oder ins Theater gehen. Wir haben in Deutschland eine einzigartige Theaterlandschaft und die setzen wir aufs Spiel, weil wir dabei sind, das amerikanische System zu kopieren. Es geht nur noch ums Geld und nicht um Kultur.

Das heißt, die Ökonomie bestimmt mehr und mehr unser Leben?
Das fängt doch schon in der Schule an. Die jungen Menschen werden auf Effizienz getrimmt und auf eine materialistische Lebensweise fixiert. Sie führen ein BWL*-gestütztes Leben. Gewinnmaximierung ist das Lebenselixier. Das führt zu einer geistigen Verarmung. Ein ungebildetes Volk geht nicht ins Theater. Es lässt sich von Werbung verführen und rennt in die Geschäfte.

Was können wir gegen die Ökonomisierung des Lebens tun?
Wir sollten im Grunde keine Partei mehr wählen, die für die Aushöhlung des Sonntagschutzes ist. Wir sollten Geschäfte boykottieren, die sonntags öffnen. Wir sollten uns dem ganzen Mammon nicht hingeben. Aber ich denke nicht, dass das viel nützt. Wenn eine Straße neu gebaut wird und mag dies noch so unsinnig sein, irgendwann fahren doch Autos darüber.

Das klingt nicht optimistisch.
Ganz gleich was wir treiben, die Mächtigen lachen sich doch über uns kaputt. Die Menschen sollen den Maschinen angepasst werden. Ich habe keine Hoffnung, dass sich etwas ändert.

* BWL = Betriebswirtschaftslehre


Hinweis: Die Interviews können auch in einer Broschüre nachgelesen werden, die gegen eine kleine Spende abgegeben wird. Den ersten 100 Exemplaren ist die CD „Mein Sonntag“ des Pfarrers und Liedermachers Clemens Bittlinger beigefügt. Die Broschüre ist erhältlich im Haus der Kirche, Heppenheim, Ludwigstr. 13, Tel.: 06252/673331; E-Mail: oeffentlichkeitsarbeit@haus-der-kirche.de

Foto: Walter Renneisen