18.01.13 Das Sonntags-Interview Folge 1 - "Den Sonntag nicht zu schützen, wäre ein Rückschritt"


In der Reihe „Das Sonntags-Interview“ haben die evangelischen Dekanate Bergstraße und Darmstadt-Stadt Prominente aus der Region befragt:  Wie stehen sie zum Sonntag, was halten sie von Sonntagsarbeit, was bedeutet ihnen der freie Sonntag und wie verbringen sie ihren Sonntag. Wir veröffentlichen die Interviews in loser Reihenfolge. Den Anfang macht die Studioleiterin vom hr Studio Darmstadt, Stefani Müller.

Frau Müller, kennen Sie Sonntagsarbeit aus Ihrem Berufsleben?
Selbstverständlich. Das gehört zum Beruf des Journalisten. Im aktuellen Journalismus nehmen Ereignisse oder Themen keine Rücksicht auf den Sonntag. Da fällt für die Journalisten der Sonntag aus. Radio wird auch sonntags gehört, Fernsehen wird geschaut, eine am Sonntag erscheinende Zeitung wird gelesen, Texte im Internet werden gelesen. Das ist der Beruf - das Handwerk.

Brauchen Sie dann einen Ausgleich, wenn Sie sonntags arbeiten?
Der Ausgleich ist notwendig. Schon allein physisch gesehen. Und es ist gut, wenn nach der Sonntagsarbeit der Alltag nicht sofort weitergeht. Selbstverständlich ist Sonn- und Feiertagsarbeit tarifrechtlich geregelt. Eine Ruhephase ist wichtig für mich. Wahrscheinlich hängt das auch mit dem Alter zusammen. Am Anfang des Berufslebens macht einem die Arbeit sonntags nichts aus. Aber jetzt bin ich älter und da merke ich, wenn es keine Pause gibt; der Körper meldet sich und setzt Grenzen.

Wie sieht bei Ihnen ein idealer Sonntag aus?
Ein idealer Sonntag ist, wenn nichts geplant ist. Außer dem Gottesdienstbesuch. Ohne Gottesdienst - kein richtiger Sonntag. Am Sonntag zählen für mich Ruhe und der Verzicht auf Arbeit  Und es zählt: zu Hause sein mit meiner Familie, auch räumlich gesehen. Damit meine ich, dass ich keine Lust habe, mich in irgendwelche Freizeitaktivitäten zu stürzen oder mein Zuhause unnötig zu verlassen. Es schließt sich die Woche und ich bin „angekommen“.

Wie wichtig ist arbeitsfreie Zeit für Sie?
Ganz wichtig, um ruhig und gelassen zu bleiben oder es nach einigen Aufregungen wieder zu werden. Und auch um zu genießen: jetzt ist arbeitsfrei und Punkt. Ich finde es gut, wenn man Arbeit und Privates trennen kann. Ich würde auch nie auf die Idee kommen, sonntags einkaufen zu gehen. Da ist mir meine Zeit viel zu kostbar. Man kann ja als Berufstätige wirklich sehr gut unter der Woche einkaufen gehen - die Öffnungszeiten der Geschäfte sind verlängert. Die Macht des Kommerzes an einem Tag zu unterbrechen, halte ich für mehr als legitim.

Wenn Politik den Sonntagsschutz aufzuweichen droht, was macht das mit unserer Gesellschaft?
Etwas „uns Verbindendes“ würde verloren gehen. Es wird unverbindlich. Es sollte alles getan werden, damit dies nicht passiert. Der Hinweis auf Arbeitsplätze, die sonntags geschaffen würden, scheint eher ein „Totschlagargument“ zu sein. Ich hielte es für falsch, alle Tage gleich zu behandeln. Und dass Ökonomie nicht alles ist, ist eine Lehre aus der Wirtschaftskrise. Es wäre ein Rückschritt, den Sonntag, die Sonntagsruhe, nicht zu schützen.


Hinweis: Die Interviews können auch in einer Broschüre nachgelesen werden, die gegen eine kleine Spende abgegeben wird. Den ersten 100 Exemplaren ist die CD „Mein Sonntag“ des Pfarrers und Liedermachers Clemens Bittlinger beigefügt. Die Broschüre ist erhältlich im Haus der Kirche, Heppenheim, Ludwigstr. 13, Tel.: 06252/673331; E-Mail: oeffentlichkeitsarbeit@haus-der-kirche.de

Foto: Stefani Müller, hr Studio Darmstadt