02.01.13 Runter vom Pferd? Raus aus dem ICE? - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit


Ereignisse beschleunigen sich. Das ist die Erfahrung, die viele machen und über die immer mehr Menschen klagen. Ein Zahlenvergleich, der für stellvertretend für vieles steht. Vor zwanzig Jahren hat die Nachrichtenagentur dpa jeden Tag durchschnittlich etwa 120 Meldungen verschickt. Heute sind es Tag für Tag mehr als 750.

Termindruck, ständig gehetzt und getrieben, keine Zeit für gar nichts – so empfinden nach Umfragen immer mehr Menschen ihr Leben. Computer, Mobiltelefone, mobiles Internet sollten die Arbeit so effizient machen, dass wir jede Menge Zeit sparen. Das Gegenteil ist eingetreten. Die Beschleunigung hat mit jeder Innovation einen weiteren Zacken zugelegt.  

Doch stimmt das überhaupt? Ist das Tempo, die Hetze, die permanente Beschleunigung, die uns so zu schaffen macht, tatsächlich eine neue, bislang nicht gekannte Erfahrung?

Schon Goethe hatte im „Faust“ das rasant beschleunigte Lebenstempo in Gestalt des Mephisto beschrieben und dafür ein neues Wort kreiert: „veloziferisch“ – eine Wortkombination aus dem lateinischen  Velocitas (die Eile) und Luzifer. Spätestens seit „Faust“ wissen wir: die Eile ist des Teufels.

Goethe fuhr noch mit der Kutsche. Einige Jahrzehnte später nutzte der Philosoph Friedrich Nietzsche bereits die Bahn und notierte grimmig: „Bei der ungeheuren Beschleunigung des Lebens werden Geist und Auge an ein halbes oder falsches Leben und Urteilen gewöhnt, und jedermann gleicht den Reisenden. welche Land und Volk von der Eisenbahn aus kennenlernen.“ Und er fügte hinzu: „Die Bildung wird täglich geringer, weil die Hast größer wird“.

Wer ein Land nur von der Eisenbahn aus kennenlernt, lernt es allenfalls oberflächlich kennen. Und dabei fuhr Nietzsche noch mit der aus heutiger Sicht gemächlichen Dampflok und nicht mit dem ICE. Dass Eile Oberflächlichkeit zur Folge hat, wusste man bereits im alten China. „Wir schauen uns das ja nur oberflächlich an“ heißt auf Chinesisch wörtlich übersetzt: „Wir betrachten die Blumen nur auf dem Pferd reitend“.

Die Klagen über Tempo und Beschleunigung sind also im Grunde ein alter Hut. Neu ist, dass die Eilkrankheit sich nicht allein auf Fortbewegungsmittel beschränkt, sondern das ganze Leben durchdringt. Die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit löst sich auf.  Die Kommerzialisierung des Sonntags spricht Bände.

Immerhin: es gibt Lichtblicke. Die Bahn räumt den ICE-Verbindungen inzwischen einen etwas größeren zeitlichen Puffer ein. In den Vorstandsetagen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass es für Reisende wichtiger ist, verlässlich einen Anschlusszug zu erreichen als zwei Minuten schneller am Ziel zu sein. Und im Kreis Bergstraße und nicht nur dort deutet alles darauf hin, dass nicht mehr alle Gymnasiasten ihre Jugend in Sieben-Meilen-Stiefeln verlaufen müssen. Mehrere Schulen wollen sich vom G-8-System und dem Turbo-Abitur verabschieden und zum neunjährigen Gymnasium zurückkehren.

Was können wir für das „Projekt Entschleunigung“ tun? Runter vom Pferd? Raus aus dem ICE? Das Evangelische Dekanat Bergstraße will in diesem Jahr einige Akzente setzen. Birgit Geimer vom Fachbereich Bildung wird zum „Sonntagsausflug“ einladen, bei dem sich die Teilnehmer/innen Zeit für sich und für andere nehmen können und die Blumen am Wegesrand sicherlich nicht „auf dem Pferd reitend“ betrachten werden. Die Fachreferentin für Kindergottesdienst, Beate Schuhmacher-Ries, plant einen Workshop mit dem Titel „Jesus nimmt frei – Mit Kindern Sonntag feiern“ sowie die Theater-Werkstatt, „Immer wieder sonntags“. Und wenn eines Tages Mitarbeitende vom Heppenheimer Haus der Kirche mit Liegestühlen unter dem Arm auf einem belebten Platz irgendwo an der Bergstraße aufkreuzen werden, dann können Sie sicher sein: Jetzt wird zur Ruhe gebeten! "Ruhe-Mob" heißt das auf neudeutsch.

Einen etwas ungewöhnlichen Vorschlag, das Leben zu entschleunigen, machte die Wochenzeitschrift DIE ZEIT. Sie empfahl wieder auf alte, mechanische Schreibmaschinen umzusteigen. „Sie können eben nur eines: schreiben – ein Lob des Mono-Tasking. Und zwar nicht in stiller Effizienz. Sondern so, dass alle, aber wirklich alle, es mitbekommen.  Mit einem lauten ‚Zack‘ bei jedem Tastenschlag“, heißt es in einer Kolumne vom 29. November 2012.

P.S.
Der Verfasser dieser Zeilen hat vor nunmehr fast 27 Jahren seine ersten beiden Zeitungsartikel geschrieben -  mit einer mechanischen Schreibmaschine von Adler, Typ Gabriele (Foto oben). Ich weiß nicht mehr wie oft ich eine blütenweiße Seite Papier nach der anderen eingespannt hatte, bis die Artikel fertig waren. Ich weiß nur noch, dass mir die Finger weh taten und der Papierkorb von geknüllten Seiten überquoll. Als ich dann die von der Landeskirche Hannover herausgegebene „Evangelische Zeitung“ mit meinen Artikeln in der Hand hielt, hatte ich Herzklopfen bis zum Hals. Das war ein schönes Gefühl. Nur zur mechanischen Schreibmaschine zurück? Nie wieder! Und auch den ICE werde ich weiter nutzen. Soviel Tempo, so viel Beschleunigung darf es schon sein. Über das Pferd und die Blumen denke ich noch mal nach!

 

Text u. Fotos: bet