16.12.12 Konzertkritik II: "History of Gospel" in Bensheim - Von Glück und Freiheit


History of Gospel – Eine Uraufführung mit Bigband, Gospelchor und Solistin Sarah Kaiser unter musikalischer Leitung von Christoph Schöpsdau  in Bensheim, das hat die Welt so noch nicht gehört. Wer als  Jazzfreund normalerweise die Nase rümpft, weil er Gospel eher als flach und anspruchslos einordnet, musste bei diesem Konzert unerwartet heftig klatschen.

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hat mit History of Gospel im Jahr der Kirchenmusik 2012 einmal mehr die Grenzen gesprengt  zwischen Gospel und Jazz, zwischen „U“  und „E“-Musik, mit dem Ziel, die gute Botschaft einem breiten Publikum musikalisch zu vermitteln. In Bensheim ist dieses Experiment fantastisch gelungen!

Mit sattem Sound bot die zusammengestellte Bigband das geballte musikalische Können ihrer Instrumentalisten. Deren präzises Zusammenspiel und Können, das in jedem Solo hörbar wurde, ging unmittelbar unter die Haut. Etwa bei dem Song Go down Moses, in dem der warme, weittragende Klang der Klarinette  „klezmer-jiddisch“ und melancholisch an den beschwerlichen Weg der Israeliten durch die Wüste erinnerte. „Bei allem Esprit, der rüberkommt“, so Kirchenmusikdirektorin Christa Kirschbaum (EKHN), „hat dieses Konzert einen inhaltlichen Tiefgang, der sich in den Arrangements widerspiegelt“.

Der musikalische Leiter und international bekannte Pianist Christoph Schöpsdau (Foto rechts) erklärte dazu, er habe einfach vorgehabt, aus „tollen Songs etwas anderes Tolles“ zu machen. Dafür hat er bekannte Spirituals neu arrangiert. Zum Beispiel den Song: „Wade in the water“. Ein Zwölf-Achtel-Groove gibt den Klangteppich vor, die Melodie erklingt darüber in Quarten und es entsteht eine dunkle, spannende Stimmung. Diese fasste Christa Kirschbaum bei ihrer Begrüßung auf der Bühne des gut besetzten Bensheimer Parktheaters auch gleich in Worte: „Die Wellen haben sich bewegt und die Israeliten gelangten durch diese Wellen des Roten Meeres…“

Der Crossover ist gelungen - in Inhalt und Musik - in „Jazz meets Gospel“. Ein Konzept, das vor allem mit der hervorragenden Besetzung von Sarah Kaiser (Foto) gelang. Denn dieser Frau glaubt man auf der Bühne einfach, was sie singt, und die Zuhörer klebten bis zum Ende an ihren Lippen. Sie beherrschte souverän die Bühne und war der Bigband in jeder Sekunde mit eigener Power und Klangpräzision gewachsen. Die Berliner Sängerin überzeugte mit jedem Ton. Sie beherrscht die moderne Harmonik des Jazz und zog ihr einen sattfarbenen, warmen Hut auf! Jazzgesang kann auch anders klingen: bemüht, einstudiert, perfekt, distanziert und kühl.

Das ist bei Sarah Kaiser anders. Sie fühlt, was sie singt, sie liebt die Melodie und sie meint auch was sie singt: Die christliche Botschaft und den Gospel habe sie, erklärt die Berlinerin auf der Bühne, als Kind religiös überhaupt nicht vorgeprägt, eher zufällig in einem „Gottesdienst für Schwarze“ entdeckt. „Ich habe geweint. Die Musik hat mich völlig umgehauen“. Später habe sie die Schauspielerin Whoopi Goldberg im Kinofilm „Sister Act 2“ erlebt, wie sie als Ordensschwester mit Gospelsongs schwere Jungs bekehrte und habe daraufhin in  Berlin ihren eigenen ersten Jugend-Gospelchor gegründet. Das Lied „His eye is on the sparrow“, das auch im Kinofilm zu hören ist, war einer der Höhepunkte des Abends. In den vertonten Bibelvers führte der Moderator und Mitarbeiter des Zentrums Verkündigung der EKHN, Henrick Clausing, mit den Worten  “Wenn Gott sogar die Spatzen sieht, wie viel mehr wird er sich um dich kümmern!“ ein. Diese Botschaft, verpackt in dem Spiritual „His eye is on the sparrow“ gab den Schwarzen Hoffnung. Aber Expressivität können wir heute längst nicht mehr den Afroamerikanern zuschreiben, für die vor 200 Jahren der Gospelgesang ein Hoffnungsschrei aus der Sklaverei war. Ausdrucksstark klang der Projektchor von „History of Gospel“.

In  kurzer Zeit hatten die Kirchenmusiker Stefan Küchler, Johannes Schmidtke und Thomas Wächter, die auch im Chor mitsangen, mit erfahrenen und experimentierfreudigen Gospelsängerinnen und Sängern verschiedener Chöre aus dem Kirchengebiet den „ vierten Satz“ einstudiert. Diesen Part hatte nämlich der Chor in den Arrangements von Christoph Schöpsdau neben Trompeten-, Posaunen-, und Saxophonsatz in seinen Arrangements von „How I got over“ und  „His eye is on the sparrow“. In den Arrangements von Peter Reiter waren die Stücke „Go down“,Sometimes I feel“  und  „Total Praise“ zu hören.  Von Jochen Welsch standen “Up above my head“ und “Lord, hold me” auf dem Programm. Von Achim Rothe wurden “Eyes on the Prize” und “Soon and very soon” sowie von Stephan Zebe das Stück „What’s going on“ gespielt. Fantastisch und wunderschön erklang  „Swing low“ von Wilson DeOliveira. Der Chor setzte nach einer „Bläserouvertüre“ leise ein und wurde vom Schlagzeug abgelöst, das in den groovig-satten Sound der Bigband überleitete. Wenn an diesem Abend auch noch die Mikrofonierung für den Chor gestimmt hätte, wäre dieses Konzert reif gewesen für eine CD! Hoffen wir, dass eine Aufnahme nachgeholt wird, damit dieses Konzert jeder einmal hören kann. Der musikalische Leiter Christoph Schöpsdau, unter anderem erster Preisträger beim Bigband-Kompositionswettbewerb der hr-Bigbandund mehrfach ausgezeichnet beim Wettbewerb „Jugend jazzthat mit „History of Gospel“ einmal mehr sein großes Können bewiesen.


Das Publikum war begeistert. Denn Musik und Texte wirken befreiend, so wie die Botschaft in „His eye is on the sparrow“: He (God) watches me. And I sing, because I’m happy and I sing because I’m free.”

Text u. Foto: Heidi Förster