15.12.12 Konzertkritik: "History of Gospel" in Bensheim - Die Schallmauer nicht durchbrochen


Das Bensheimer Parktheater ist sehr gut besucht zur letzten Großveranstaltung des Jahrs der Kirchenmusik in der EKHN. Die Landeskirchenmusikerin Christa Kirschbaum ist mitten im Publikum. Sie wird am Anfang nach vorne gebeten, um das Konzert offiziell anzuschieben. Die Bühne ist knallvoll mit schwarzgekleideten Musikern, Chor und Dirigent. Sarah Kaiser in schwarzem Kleid und schwarzweißer Bluse (Fotos) singt wunderschön. Die Bigband - zehn Bläser, Gitarre, Bass, Keyboard, Schlagzeug - ist zusammengesetzt aus außergewöhnlichen Musikern und spielt gigantisch gut, Christoph Schöpsdau (Foto oben rechts) hat die Gospelstücke aufwändig, überraschend und zum Teil abenteuerlich arrangiert und ihnen unverkennbar seinen Stempel aufgedrückt. Auch der fast 60-köpfige Projektgospelchor meistert selbst die schwierigsten Passagen, aber …

… es passt alles irgendwie nicht zusammen.

Es fängt schon an mit Moderator Henrick Clausing (Foto unten links mit Sarah Kaiser), der ohne Probleme ein Publikum mit pubertierenden Jugendlichen in Ekstase treiben könnte. Doch vielleicht ist es zu dunkel im Saal, dass er nicht merkt, dass die Leute heute Abend überwiegend ihr erstes Lebensjahrhundert zur Hälfte schon hinter sich haben. Bis zum Schluss wird er nicht müde eine Begeisterung herbeireden zu wollen, die zu dieser komplizierten Musik überhaupt nicht passt.

Dann stehen da sechs Stellwände zwischen der Bigband und dem großen Projektchor. Sie sind nur 1,5 m hoch und komplett aus Glas. Man soll sie wohl eigentlich gar nicht sehen, aber man hört sie oder besser gesagt: man hört das Ergebnis dieser „Schallmauer“. Zuschauer, die in den ersten Reihen sitzen, erzählen mir in der Pause, dass die Musiker sehr laut sind und dass man den großen Chor dahinter kaum hören würde. Nur Sarah Kaiser kommt mit ihrer jazzigen Stimme gegen die Bigband an. Im Chor stehen viele Mikrofone und man sieht, dass die Laiensänger und -sängerinnen mit weit geöffneten Mündern singen, aber offensichtlich hat der Mann am Mischpult entschieden, dass die Profis mehr Geld bekommen und darum auch deren Mikros weiter aufgedreht.

Diese Musik ist zu gut. Es ist Musik für den Kenner, den Jazzliebhaber, für Leute, die schätzen können, wie genial Schöpsdau diese Gospels in einen modernen Bigbandsound transferiert. Es ist Musik für den Kopf. Aber ich hatte Musik fürs Herz erwartet. Ich hatte Gesang erwartet, der dreckig ist, der keine Angst vor einer falschen Note hat, aber dadurch eben authentisch ist. Ich hatte mir Einfaches erhofft und schwere Kost bekommen.

Ich wollte mich anstecken lassen von der Sehnsucht der Schwarzen nach Befreiung von jahrhundertelanger Unterdrückung. Ich wollte tanzen, ich wollte klatschen, lachen und weinen, ich wollte Emotionen. Ich hätte mir sogar gerne etwas von der Geschichte dieser Musik erzählen lassen, aber diese Musik war für den Kopf und die ultraflachen Moderationen von Hendrik waren für die Füße. Ich habe zwar Gospels aus verschiedenen Epochen ihrer zweihundertjahrealten Geschichte gehört, aber völlig durcheinander und ohne einen für mich erkennbaren Zusammenhang.

Und gerade deshalb gehe ich schon nach der ersten Zugabe und kehre – wie viele andere – auch nicht um, als ich höre, dass die Musiker nochmal zurückkommen. 

 

 

Text u. Fotos: Tilman Pape