01.12.12 "Toleranz braucht Dialog" - Empfang zum neuen Kirchenjahr

Was heißt Toleranz heute? Diese Frage zog sich wie ein roter Faden durch den Empfang zum neuen Kirchenjahr der beiden evangelischen Dekanate Bergstraße und Ried. Die Veranstaltung am Vorabend des 1. Advent, zu der rund 250 Gäste aus Kirche, Politik  und Gesellschaft in den Heppenheimer „Halben Mond“ gekommen waren,  stand unter dem Motto des neuen Themenjahres der Luther-Dekade „Reformation und Toleranz“.

Der Geschäftsführer des Internationalen Rates der Christen und Juden, der niederländische Pastor Dick Pruiksma vom Martin-Buber-Haus in Heppenheim sagte in seiner Festrede, dass die reformatorische Tradition jedem religiösen Fanatismus Grenzen setze. Erst die Akzeptanz anderer Identitäten führe zu Toleranz.

Nach Überzeugung von Pastor Pruiksma ist Multi-Kulti nicht tot. „Gescheitert ist vielmehr das Integrationsmodell, das da lautet:  Du musst so werden wie ich“, betonte Pruiksma. In einem Rechtsstaat dürfe jeder seine Identität leben. Wenn fremdenfeindliche Strömungen wie derzeit im EU-Mitgliedsland Ungarn die Identitäten von Sinti, Roma oder Juden in Frage stellten, sei die Grenze zur Intoleranz überschritten.

„Toleranz braucht Dialog“, leitete der Präses des Evangelischen Dekanats Bergstraße Axel Rothermel eine Talkrunde zum 10jährigen Jubiläum des Empfangs ein. Diese Veranstaltung sei deshalb so wichtig, weil sie stets gesellschaftliche Impulse gegeben habe, betonte der Bergsträßer Landrat Matthias Wilkes.

Die Kirchenvorsteherin aus Schwanheim, Margit Hechler, sagte der Empfang ermögliche Gedankenaustausch  und persönliche Begegnungen. Der Kirchensynodale des Dekanats Ried, Werner Hahl, begrüßte es, dass - wie in Worms geschehen - das Glockengeläut der Kirche eine Kundgebung der Neo-Nazis übertönt habe. Damit machte er deutlich, wo für ihn Toleranz endet.

Mit der Starkenburg-Medaille wurde mit Dr. Ebenezer Edusa-Eyison aus Viernheim eine Persönlichkeit geehrt, der, wie es der frühere Bergsträßer Landrat Norbert Hofmann in seiner Laudatio formulierte, „Toleranz lebt“.

Zugleich erinnerte Hofmann daran, dass Dr. Edusa Intoleranz nicht toleriere und deshalb die Initiative gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit im Kreis Bergstraße mitbegründet hatte. Für den neuen Träger der Starkenburg-Medaille sei Sprachfähigkeit eine wichtige Voraussetzung für Dialog und Toleranz. Aus diesem Grund erteile Dr. Edusa seit Jahren kostenlos Deutsch-Unterricht für Ausländer und engagiere sich als Vorsitzender des Ausländerbeirats. Weil das Engagement  des 84jährigen tief im christlichen Glauben wurzele, habe er einen sehr treffenden Vornamen. Ebenezer heiße auf Deutsch „Stein der Hilfe Gottes“.


In seiner Dankesrede sagte Dr. Edusa, für ihn sei die Nachricht, dass er mit der Starkenburg-Medaille ausgezeichnet werde, so bedeutsam wie für andere der nächtliche Anruf vom Nobelpreis-Komitee in Stockholm.

Die aus dem Hebräer-Brief stammende Jahreslosung für das neue Kirchenjahr „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ stellte die Starkenburger Pröpstin Karin Held vor. Die Losung ermahne uns, dass alles nur vorläufig und vorübergehend sei und ermutige uns zugleich, Vertrauen zu haben, dass alles, was uns bedrücke und quäle, auch einmal ein Ende haben werde. „Weil wir hier keine bleibende Stadt haben, gerade deshalb erlauben wir uns keinen Rückzug, sondern pflegen die Gemeinschaft und schaffen uns ein Stück Heimat“, so Pröpstin Held.

Musikalisch gestaltet wurde der Abend, der mit einem gemeinsamen Essen ausklang,  vom Posaunenchor Schlierbach unter der Leitung von Alfred Rettig sowie vom Dekanatsgospelchor „Zwischentöne“, der von Marion Huth dirigiert wurde. Erstmals gab es beim Empfang zum neuen Kirchenjahr auch eine kabarettistische Einlage.

Der Schwanheimer Pfarrer Hans-Joachim Greifenstein trat als Hausmeister Schorsch auf und las unter anderem der Landeskirche die Leviten: „Die EKHN muss endlich auf Vorderfrau gebracht werden. Da haben wir im Dekanat Bergstraße schon unser Scherflein beigetragen“, meinte Schorsch in Anspielung auf die Wahl von Dekanin Ulrike Scherf zur Stellvertreterin des Kirchenpräsidenten

Foto 01:  Verleihung der Starkenburg-Medaille von links n. rechts: Hendrik Raekow (Vorsitzender Dekanatsstiftung), Karl Hans Geil (Dekan Ried) Dr. Edusa, Ulrike Scherf  (Dekanin Bergstraße), Axel Rothermel (Präses Bergstraße)
Foto 02: Pastor Dick Pruiksma
Foto 03: Talkrunde von links n. rechts: Margrit Hechler, Axel Rothermel, Matthias Wilkes, Werner Hahl
Foto: 04: Dr. Edusa
Foto 05: Pröpstin Karin Held
Foto 06 Dekanatsgospelchor „Zwischentöne“
Foto 07: Hausmeister Schorsch alias Hans-Joachim Greifentein

Text u. Fotos: bet