17.10.12 Mehr Mut und Phantasie für Gerechtigkeit - Nachtrag zum Symposium gegen Armut und Ausgrenzung


„Mehr Mut und mehr Phantasie für Gerechtigkeit. Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung“ lautet der vollständige Titel der ökumenischen  Erklärung, mit der das evangelische und die katholischen Dekanate Bergstraße gemeinsam Stellung genommen haben. Doch was heißt „mehr Mut und mehr Phantasie“ in der Praxis – dazu drei Beispiele.

Erstes Beispiel: Kultur
Die KULTURLOGE Marburg ermöglicht Menschen mit wenig Geld den kostenlosen Besuch von kulturellen Veranstaltungen.

Die KULTURLOGE Marburg vermittelt nicht verkaufte Eintrittskarten, die Kulturveranstalter zur Verfügung stellen, an Menschen, die es sich sonst kaum leisten könnten. Sie  holen die auf ihren persönlichen Namenausgestellten Tickets an der Abendkasse ab. Das Prinzip lautet: Niemand muss wissen, dass da jemand Eintrittskarten geschenkt bekommt, weil er oder sie wenig Geld hat. Zu den Anbietern von kostenlosen Karten zählen in Marburg Kinos, verschiedene Theater, ein Blasorchester, die Jazz-Initiative, der Konzertverein, mehrere Buchhandlungen und Konzertbüros. Die Gäste der Kulturloge können ankreuzen, wofür sie sich interessieren: Theater, Lesungen, Kino, Volksmusik, Klassik, Rock oder HipHop.

Das Marburger Beispiel macht Schule. In Berlin zum Beispiel haben sich bereits über 5500  Menschen bei der Kulturloge angemeldet. Mittlerweile gibt es bundesweit 15 solcher Initiativen, etwa in Hamburg, Leipzig oder München, aber auch in kleineren Städten wie Herborn oder Dillenburg.  Warum eigentlich nicht auch an der Bergstraße?

Zweites Beispiel: der öffentliche Personennahverkehr.
Seit Anfang Juli 2012 ist in Mannheim der Kauf des Sozialtickets möglich. Zum Preis von jeweils 5 Euro können Mannheimer, die Hartz IV, Sozialhilfe, Arbeitslosengeld II oder Wohngeld beziehen oder Asylbewerber sind, pro Monat zwei Mal fünf Einzeltickets erwerben. Sie kosten im regulären Verkauf jeweils 10,30 Euro kosten. Die Stadt Mannheim trägt den Differenzbetrag in Höhe von 5,30 Euro.

Der zuständige Sozialbürgermeister Michael Grötsch.(CDU) sagt dazu:
 „Das Sozialticket soll sozial benachteiligten Menschen mehr Mobilität ermöglichen. Geringe finanzielle Mittel sollen keine Mobilitätseinschränkung darstellen. Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben für die komplette Bevölkerung ist ein soziales Ziel. Mit dem Sozialticket verbessern wir die Möglichkeiten.“

Seit dem 2. Juli läuft der Verkauf des Sozialtickets. Rund 2.000 Mehrfahrtenkarten, das entspricht 10.000 Einzeltickets, wurden seither im RNV Kundenzentrum verkauft. Nach RNV-Angaben kaufen im Schnitt 50 Kunden pro Tag das Sozialticket

Der  Mannheim Gemeinderat hat im Dezember 2011 beschlossen, jeweils 400.000 Euro für die Jahre 2012 und 2013 zur Finanzierung des Sozialtickets zur Verfügung zu stellen. Ein Modell auch für die Bergstraße?

Drittes Beispiel: Freizeiten.
 „Ohne Moos was los“ heißt ein Projekt des Evangelischen Dekanats Bergstraße, das Kindern und Jugendlichen aus finanzschwachen Familien die Teilnahme an Freizeiten ermöglicht. Sponsoren finanzieren die Teilnahme, die für die Betroffenen selbst kostenfrei ist. Das geschieht äußerst „geräuscharm“. Die anderen Kinder bzw. Jugendlichen bzw deren Eltern bekommen nicht mit, wer gesponsert wurde. Und nach den bisherigen Erfahrungen interessiert sie das auch nicht. Entscheidend allein ist das Gemeinschaftserlebnis mit Gleichaltrigen etwa wie in diesem Jahr bei einer Zelt- und Kanufreizeit in Schweden oder der Mecklenburgischen Seenplatte. Dass ohne Moos was los ist, muss ja nicht auf Kinder und Jugendliche beschränkt bleiben. Vielleicht ein Anstoß für Begegnungsfahrten oder Bildungsreisen anderer Träger und Veranstalter in der Region Bergstraße, die auch ist ohne Moos was los machen wollen?!

Mehr Mut und Phantasie für Gerechtigkeit – davon kann es gar nicht genug geben!

Dieser Beitrag des Evangelischen Dekanats konnte aus Zeitgründen beim Symposium nicht mehr gehalten werden. Bei dem Symposium vergangene Woche im Haus der Kirche wurde die Heppenheimer Erklärung aktualisiert und neu verabschiedet. Sie wird jetzt auch vom Diakonischen Werk Bergstraße, vom Caritasverband, dem DGB-Kreisverband, dem GEW-Kreisverband, der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung Orbishöhe sowie der Regionalstelle der Katholischen Betriebsseelsorge Rüsselsheim/Bergstraße unterstützt.

Noch zwei Nachträge:

den Beitrag von Ursula Hess vom DGB-Kreisverband Bergstraße (Foto rechts), in dem sie sich zu Mini-Jobs, Aufstocker und geringfügige Beschäftigung äußert, finden Sie im Wortlaut hier

 

 

 

Den Beitrag von Barbara Köderitz, Referentin für gesellschaftliche Verantwortung im Ev. Dekanat Bergstraße (Foto unten), über Langzeitarbeitslosigkeit und Menschenwürde finden Sie hier

Foto oben: ein volles Haus der Kirche beim Symposium

 


Text u. Fotos: bet