12.10.12 Neue Unterstützer für die Heppenheimer Erklärung - Symposium: Armut in der Region Bergstraße


Bei einem Symposium im Heppenheimer Haus der Kirche ist die ökumenische „Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung“ mit leichten Änderungen neu verabschiedet worden. Die gemeinsam vom Evangelischen und den Katholischen Dekanaten erarbeitete Stellungnahme wird jetzt auch vom Diakonischen Werk Bergstraße, vom Caritasverband, dem DGB-Kreisverband, dem GEW-Kreisverband, der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung Orbishöhe sowie der Regionalstelle der Katholischen Betriebsseelsorge Rüsselsheim/Bergstraße unterstützt.

„Das Problem der Armut ist nicht gelöst. Für uns ist die Heppenheimer Erklärung deshalb nach wie vor hoch aktuell“ sagte der Präses des Evangelischen Dekanats, Axel Rothermel, der das Symposium moderierte.  Der Text wurde vor allem deshalb  aktualisiert, weil die in der Heppenheimer Erklärung vom Oktober 2010 geäußerten Befürchtungen inzwischen eingetreten sind.  In der Passage „Es verletzt das Gerechtigkeitsempfinden, dass der Staat und damit die Steuerzahler für hochspekulative Kreditgeschäfte geradestehen, während zugleich Langzeitarbeitslosen der Renten- und Heizkostenzuschuss gestrichen werden soll“, heißt es jetzt zum Beispiel „… gestrichen worden ist.“

„Niemand darf einfach durchs Raster fallen, niemand darf vergessen werden. Die Würde des Menschen hängt nicht von seiner Leistung ab. Es gibt keine Ungerechtigkeit auf Gottes Erde, die uns Christinnen und Christen nichts angeht“, sagte Dekanin Ulrike Scherf zum Anliegen des Symposiums, das konkrete Problem von Armut und Ausgrenzung in der Region Bergstraße benannte.

Wie Menschen durchs Raster fallen, erläuterte die Leiterin des Diakonischen Werks Bergstraße, Brigitte Walz-Kelbel. (Foto links) Nachdem die staatliche Förderung  um weitere 17 Prozent gekürzt wurde, sind in den Beschäftigungsprojekten des Diakonischen Werks nur noch 40 statt vorher 64 Menschen beschäftigt. „Aber die 24, die jetzt keine Beschäftigung mehr, haben, sind ja nicht weg, sie sind abgehängt und ausgegrenzt“, beklagte die DW-Leiterin. Die Beschäftigten in den Projekten des DW gelten auf dem Arbeitsmarkt als schwer vermittelbar. Ingrid Reidt von der katholischen Betriebsseelsorge meinte dazu: „Wir haben es nicht mit problematischen Menschen zu tun, sondern mit einer problematischen Wirtschaft“.


Martin Fraune vom Caritasverband Heppenheim (Foto links) erläuterte anhand von statistischen Erhebungen den Zusammenhang von Armut und Krankheit. „Ein Kind, das arm aufwächst, hat nachweislich als Erwachsener eine schlechtere Gesundheit“. Zugleich beklagte Fraune, dass der Hartz-IV-Regelsatz „passend gerechnet“ werde. Er sprach sich für eine deutliche Erhöhung aus, um ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Der Fachbereichsleiter des DW, Hans Seydel, der krankheitsbedingt sein Referat verlesen ließ, berichtete, dass die Tafeln in Rimbach, Lampertheim und Bürstadt inzwischen 2250  Menschen  mit Lebensmitteln versorgen und betonte: „Tafeln markieren einen gesellschaftlichen Skandal. Sie sind keine nachhaltige Armutsbekämpfung“.

Uschi Hess vom DGB-Kreisverband kritisierte die heutigen Mini-Löhne, die morgen Mini-Renten zur Folge hätten. Nach Angaben des Lehrers Tony Schwarz von der GEW (Foto links) bestimmt Armut auch die Schullaufbahn von Kindern. Sie hätten deutlich schlechtere Chancen aufs Gymnasium zu gehen als Kinder aus wohlhabenden Familien. Die Referentin für gesellschaftliche Verantwortung im Evangelischen Dekanat, Barbara Köderitz, berichtete von ihren Erfahrungen mit den Besuchern des Arbeitslosentreffs Kompass in Mörlenbach, die immer wieder betonten, nicht mit Respekt und Würde behandelt zu werden.




Helga Zühl-Scheffer von der Beratungsstelle des DW in Rimbach kritisierte die hohen Hürden für Betroffene, wenn sie Anträge für Sozialleistungen ausfüllen. Die Formulare, aus denen sie zitierte, wirkten auf die Zuhörer wie Realsatire. „Ich weiß nicht, wer sich so etwas ausdenkt.“ sagte kopfschüttelnd die DW-Mitarbeiterin. Der 1. Kreisbeigeordnete Thomas Metz räumte in der Diskussion ein, dass es „eine deutliche Zahl“ von Menschen gebe, die Sozialleistungen in Anspruch nehmen könnten, dies aber nicht täten.“ Nach den Erfahrungen von Zühl-Scheffer scheitern viele daran, die Formulare zu verstehen und korrekt auszufüllen.

 

Was Armut konkret bedeutet, machten Nicole Steigler, Ulrich Schradin und Uli Baumann von der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung Orbishöhe anhand von Fallbeispielen deutlich: eine Familie mit zehn Kindern, die auf 75 Quadratmetern lebt; ein Mann, der verhaftet wird, weil er kein Geld hatte, sein „Knöllchen“ zu bezahlen und die Mahnschreiben ignorierte; ein Obdachloser, der wegen des Diebstahls eines Paars Schuhe vor Gericht stand. Das Job-Center hatte ihm zuvor Unterstützung verweigert, weil er keinen festen Wohnsitz hat. Beispiele nicht aus einem fernen Land, sondern aus der Region Bergstraße.



Für Ulrike Scherf vom Evangelischen Dekanat und Engelbert Renner von den Katholischen Dekanaten (Foto links) ein Grund mehr zum Abschluss die Heppenheimer Erklärung noch einmal zu verlesen, in der es heißt: „Es gibt Ungerechtigkeiten, die zum Himmel schreien, die das gesellschaftliche Klima vergiften, die nicht hinnehmbar sind. Denn die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Den Wortlaut der Einführung zum Symposium (Scherf/Fraune) finden Sie hier

Den Wortlaut des Kurzreferats von Brigitte Walz-Kelbel (GEW) finden Sie hier

Den Wortlaut des Kurzreferats von Tony Schwarz (GEW) finden Sie hier

Den Wortlaut der Kurzreferate zur Tafel (Hans Seydel - DW) und zu den Problemen älterer Menschen (Brigitte Walz-Kelbel) finden Sie zusammengefasst hier

Die aktualisierte "neue" Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung finden Sie hier

Der Wortlaut weiterer Kurzreferate werden demnächst auf dieser Homepage veröffentlicht.

Die Initiatoren und Unterstützer der „Heppenheimer Erklärung“ von links n. rechts:
Ulrike Scherf, Barbara Köderitz (beide Ev. Dekanat), Helga Zühl-Scheffer (DW), dahinter Martin Fraune (Caritas), Brigitte Walz-Kelbel (DW), Jochen Giebel (GEW) Ingrid Reidt (Kath. Betriebsseelsorge), dahinter verdeckt Nicole Steigler (Orbishöhe), Tony Schwarz (GEW), Axel Rothermel (Ev. Dekanat)

Text u. Fotos: bet