08.10.12 "Frei wie ein Zuckerwürfel kurz vor der Kaffeetasse" - Kleinkunstnachmittag zu Armut und Reichtum


Ein Kabarettist, ein Akkordeonspieler und ein Märchenerzähler sind beim ersten Kleinkunstnachmittag im Haus der Kirche aufgetreten. Dazu hatte das Evangelische Dekanat unter dem Motto „Erste oder letzte Reihe?“ eingeladen.

Ganz unten, in der letzten Reihe befinden sich Menschen, die in Armut leben, erläutertedie Referentin für gesellschaftliche Verantwortung, Barbara Köderitz. In ihrer Einführung zitierte sie einen Arbeitslosen mit den Worten: „Ich habe nichts dagegen von wenig Geld zu leben, ich will nur anständig behandelt werden“.

Die Erfahrung von Ausgrenzung und mangelnden Respekt machten zudem Porträts von Arbeitslosen aus der Region Bergstraße deutlich, die im Haus der Kirche auf großformatigen Plakaten gezeigt werden. „Es tut weh, wenn jemand über mich urteilt, ohne mich gesehen und mit mir gesprochen zu haben“, klagt ein Mann, der eine Bewerbung nach der anderen schreibt und immer nur Standardabsagen bekommt.  „Was soll ich in der Fußgängerzone bummeln, wenn ich ohnehin nichts kaufen kann“, sagt resigniert eine Frau, die vor zehn Jahren ihren letzten Job gehabt hat und kaum noch aus dem Haus geht.

Der Wormser Märchenerzähler Peter Franz (Foto links) erzählte das Märchen von Bruder Lustig, einem verarmten ehemaligen Soldaten, der sich durchs Leben schlägt. Er ist ein praktisch denkender und zugleich großzügiger Mensch, der allerdings nicht mit Geld umgehen kann. Am Ende gelingt es ihm mit Raffinesse doch noch in die erste Reihe zu kommen, nämlich ins Paradies.

Hans-Joachim Greifenstein (Foto unten) schlüpfte in die Rolle von Hausmeister Schorsch, der sich über das „neoliberale Geschwätz“aufregte. „Jeder babbelt heute so, als ob er BWL studiert hat“. Wenn etwas angeschafft werden müsse, heiße es gleich , man müsse Geld in die Hand nehmen. „Mit was denn sonst? Mit den Füßen geht es ja nicht!“ Hausmeister Schorsch – im wirklichen Leben ist er Gemeindepfarrer in Schwanheim -  erklärte dem Publikum zudem, was Theodor W. Adorno mit „repressiver Toleranz“ gemeint habe: „Du denkst, du bist frei, aber tatsächlich bist du der Depp. Frei wie ein Zuckerwürfel kurz vor der Kaffeetasse.“

Eduard Ungefucht aus Weinheim sorgte mit seinem Akkordeon für die musikalischen Beitrag dieser Kleinkunstnachmittags.

 

 

 

Um Armut und Ausgrenzung wird es im Haus der Kirche auch am kommenden Donnerstag gehen. Das Evangelische Dekanat veranstaltet gemeinsam mit den katholischen Dekanaten ein Symposium, bei dem Vertreter/innen von Diakonie, Caritas, Gewerkschaften und der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung Orbishöhe über Armut in der Region Bergstraße berichten werden. Zwei Jahre nach der ökumenischen „Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung“ soll bei der Veranstaltung nachgefragt werden, was sich seitdem bei der Armutsentwicklung und Armutsbekämpfung getan hat. Das Symposium ist öffentlich, der Eintritt frei. Es beginnt am 11. Oktober um 19.00 Uhr im Haus der Kirche, Ludwigstr. 13, Heppenheim.


Text u. Fotos: bet