06.10.12 Das Sonntags-Interview - Reverend Kabigi über den Sonntag in Tansania


Reverend Samwuel Kabigi ist stellvertretender Kirchenpräsident der Moravian Church von Süd-Tansania, mit der das Evangelische Dekanat Bergstraße partnerschaftlich verbunden ist. Er gehörte zu der Delegation, die zweieinhalb Wochen das Bergsträßer Partner-Dekanat besuchte. Kurz vor Ende seines Aufenthalts führten wir mit ihm das Sonntags-Interview.

Reverend Kabigi, welche Bedeutung hat der Sonntag für Christen in Tansania?
Sonntag ist der Tag, an dem wir eine persönliche Beziehung, ein persönliches Gespräch mit Gott haben. Wir verbringen den Sonntag mit dem Gottesdienst. Das ist die Kultur der Christen in Tansania: wir leben diesen Tag für Gott.



Wie lange dauert der Sonntagsgottesdienst?

Wir haben insbesondere in den Städten und größeren Gemeinden Sonntagmorgen und Sonntagabend Gottesdienste: ein Gottesdienst sollte zwei bis drei Stunden dauern – auf keinen Fall kürzer als zwei Stunden. Allein die Predigt dauert ja 45 bis 50 Minuten. Die Menschen freuen sich ja darauf. Wenn ich nur 15 Minuten predigen würde, dann käme die Gemeinde nach dem Gottesdienst zu mir ins Büro und würde fragen: Was war los? Warum waren Sie so schlecht vorbereitet?

Sie selbst haben als Gast  in zwei Gemeinden im Dekanat Bergstraße die Sonntagspredigt gehalten. Abgesehen von der Länge, was unterscheiden tansanische Gottesdienste von deutschen Gottesdiensten?
In Tansania nutzen wir nicht so häufig das Gesangbuch. Im Gottesdienst werden daraus nur ein, zwei Lieder gesungen. Wir haben aber drei oder vier verschiedene Chöre. Sie singen nicht nur, sie bewegen sich auch und tanzen. Und die Gemeinde steht auf, tanzt mit oder klatscht rhythmisch in die Hände. Manchmal ist es so, dass wir vor Freude lachen. Einen Unterschied gibt es auch bei der Opfergabe. Ich habe gesehen, dass in den deutschen Kirchen am Ende des Gottesdiensts die Gabe am Ausgang in einen Korb gelegt wird. Bei uns geschieht das nach der Predigt im Gottesdienst. Die Gemeinde kommt vor zum Altar und spendet.

Nehmen wir als Beispiel eine Gemeinde der Moravian Church mit 1000 Mitgliedern. Wie viele kommen sonntags in den Gottesdienst?
900 sind es bestimmt. Und deshalb gibt es häufig ja auch mehrere Gottesdienste. Wer nicht kommt, der wird gefragt oder angerufen: Was ist passiert? Bist du krank? Warum bist du nicht gekommen? Aber nächster Sonntag erwarten wir dich. Es dauert doch nur drei Stunden.

Was geschieht nach dem Gottesdienst.? Verbringen tansanische Christen den Sonntag gemeinsam?
Nach dem Gottesdienst versammeln sich alle vor der Kirche. Sie reden, unterhalten sich, tauschen sich aus. Dabei gibt es aber nur bei ganz besonderen Anlässen etwas zu essen oder zu trinken. Irgendwann gehen sie dann nach Hause.

Bereiten sich die Menschen besonders auf den Sonntag vor?
Ja, sie ziehen ihre besten Kleider und besten Schuhe an. Das sind meist Kleider, die nur am Sonntag getragen werden. Wenn bei uns jemand nicht weiß, was für ein Tag heute ist, aus dem Fenster schaut und Menschen in schönen Kleidern sieht, dann ist Sonntag.

Haben die Geschäfte am Sonntag geöffnet?
Nur wenige und das sind Geschäfte oder Marktstände, die Essen und Trinken verkaufen. Während des Gottesdienstes bleiben die Geschäfte geschlossen. Auf den Straßen ist  dann nicht viel los. Die Leute, auch die Ladenbesitzer,  sind ja in der Kirche. Doch wenn ein Geschäft während des Gottesdienstes geöffnet hat, wird der Ladenbesitzer hinterher gefragt: Hast du etwa vergessen, dass Gottesdienst ist?

Vielen Dank für das Gespräch

Foto: Reverend Kabigi vor dem Transparent  „Sonntag – ein Geschenk des Himmels“
Text u. Foto: bet