01.05.12 Gemeinsam für den freien Sonntag! - Dekanin Scherf bei der 1. Mai-Kundgebung in Heppenheim


„Nur gemeinsam kann es gelingen, den Sonntag als freien Tag zu retten.“ Das sagte Dekanin Ulrike Scherf bei der zentralen 1.Mai-Kundgebung im Kreis Bergstraße. Dazu hatte der DGB-Kreisverband die Vertreterin der Evangelischen Kirche als Gastrednerin eingeladen.

Dekanin Scherf kritisierte die fortschreitende Aushöhlung des Sonntagsschutzes  und erinnerte daran, dass im 19.Jahrhundert die Sonntagsarbeit im Zuge der Industrialisierung für einige Jahrzehnte schon einmal zur Regel geworden war. „Dass der Sonntag wieder unter Schutz gestellt wurde, ist einem für die Verhältnisse des 19. Jahrhunderts ungewöhnlichem Bündnis zu verdanken. Die Kirchen hatten sich mit der Arbeiterbewegung zusammengeschlossen, um gemeinsam für den arbeitsfreien Sonntag zu kämpfen. Für sich allein hätten wohl weder die Kirchen noch die Arbeiterbewegung die Wiederherstellung der Sonntagsruhe erreichen können.“, sagte die Dekanin vor rund 120 Besuchern der Mai-Kundgebung in Heppenheim.

Auch aufgrund dieser Erfahrungen habe das Evangelische Dekanat Bergstraße vor drei Jahren die Allianz für den freien Sonntag in der Region Starkenburg initiiert. In dieser Allianz sind neben der evangelischen und katholischen Kirche auch der DGB und ver.di Südhessen vertreten. Unterstützt wird die Sonntagsallianz zudem von Vertretern des Sports und einzelnen Kommunen im Kreis Bergstraße.

Dekanin Scherf forderte dazu auf, das eigene Konsum-Verhalten kritisch zu hinterfragen. „Ist es tatsächlich notwendig, dass ich sonntags shoppen gehe und damit Sonntagsarbeit Vorschub leiste? Ist es in Ordnung, wenn ich am Sonntag frische Brötchen kaufe? Denn bevor ich in ein solches Brötchen beißen kann, müssen ja andere am Sonntag dafür arbeiten.“  Zugleich betonte sie, dass es Sonntagsarbeit gebe, die gesellschaftlich notwendig sei – etwa in den Krankenhäusern, bei den Pflegediensten, bei Polizei und Feuerwehr. Sonntags Bier brauen oder Speiseeis herstellen zu können, wie es das Land Hessen in der neuen Bedarfsgewerbeverordnung geregelt habe, sei dagegen nicht notwendig und bedeutete eine weitere Beeinträchtigung des Sonntagsschutzes.

Ulrike Scherf appellierte an die Landesregierung, jährlich einen Sonntagsschutzbericht vorzulegen und genaue Angaben zu machen,  wie viele Menschen in Hessen und im Kreis Bergstraße regelmäßig sonntags arbeiten müssen. Sie begrüßte ausdrücklich, dass sich die Synode, das „Kirchenparlament“ der EKHN, am vergangenen Freitag für die Rücknahme der Bedarfsgewerbeverordnung ausgesprochen hatte.

Für Christen sei der Sonntag ein Geschenk des Himmels. Im Kalender sei der Sonntag bis 1976 der erste Tag der Woche gewesen, erläuterte die Dekanin. Damit sollte daran erinnert werden, dass der Mensch sein Lebensrecht nicht erst erarbeiten oder verdienen müsse. Der freie Sonntag sei im christlichen Verständnis Ausdruck der Würde jedes einzelnen Menschen. “Und es ist – ganz nebenbei bemerkt -  eine wunderbare Erfahrung diesen Sonntag mit einem Gottesdienst zu beginnen“, sagte Dekanin Scherf.

Für den freien Sonntag würden unterschiedliche Begründungen angeführt. Gemeinsam sei allen Sonntagsschützern, dass dieser freie Tag um der Menschen willen notwendig sei. Ulrike Scherf betonte, dass inzwischen fast jeder zehnte Fehltag am Arbeitsplatz eine seelische Ursache habe. Das sei innerhalb von zehn Jahren eine Steigerung um 80 Prozent. Burn-out sei zum Massenphänomen geworden. Wer derart erschöpft und ausgebrannt sei, zahle persönlich einen sehr hohen Preis in der „Sieben-Tag-rund-um-die-Uhr-Gesellschaft.“ Die Kirchenvertreterin schloss ihre bislang erste Rede an einem 1. Mai mit den Worten: „Was für eine Beschleunigung wollen wir uns eigentlich  leisten? Wir brauchen die Pause, wir brauchen die Ruhe, wir brauchen die Besinnung.  Dafür brauchen wir den Sonntag! Und dieser Tag bleibt frei, weil am Sonntag Sonntag ist!“

Den Wortlaut der Rede finden Sie hier

Text u. Fotos: bet