18.04.12 Fukushima und die Folgen - Japanischer Journalist zu Gast im Haus der Kirche


Informationen über den atomaren GAU werden geschönt, Gesundheitsgefahren heruntergespielt, Kritiker unter Druck gesetzt. Es war ein schlechtes Zeugnis, das der Journalist Takashi Uesugi den Politikern, Behörden und den Atomkraftunternehmen in seinem Heimatland Japan ausstellte. „In Deutschland sind die Menschen besser über die Folgen des Atomunglücks in Fukushima informiert als in Japan“, sagte Uesugi bei einer Veranstaltung des Evangelischen Dekanats Bergstraße im Heppenheimer Haus der Kirche.

Die gesundheitlichen Spätfolgen des Atomunglücks sind nach Ansicht des japanischen Journalisten erst in Umrissen erkennbar. Bei Untersuchungen  in radioaktiv belasteten Gebieten seien bei 30 Prozent der Kinder Funktionsstörungen der Schilddrüse festgestellt worden. Forderungen nach umfassenden Gesundheitsstudien bügelten die Behörden aber mit dem Hinweis ab, dass dies die Bevölkerung nur unnötig beunruhigen würde.

An den entscheidenden Stellen der Gesundheitsbehörden würden so genannte Experten eingesetzt, die die Gesundheitsgefahren leugneten, kritisierte Uesugi. Die meisten Medien in Japan seien auf Pro-Atom-Kurs. Wichtige Informationen bekämen die Menschen in Japan hauptsächlich aus dem Internet. Doch gerade diese Informationen würden Politiker und AKW-Betreiber immer wieder als unseriös brandmarken.

Uesugi forderte die deutsche Umweltbewegung, die er als vorbildlich bezeichnete, auf, die Entwicklung in Japan kritisch zu begleiten und Position zu beziehen. “Die Stimmen aus dem Ausland werden in Japan gehört und sind sehr wichtig“, betonte der Journalist, der das Krisenmanagement und die Informationspolitik des AKW-Betreibers Tepco bemängelt hatte und dafür berufliche Nachteile in Kauf nehmen musste. Die Versorgung mit Energie sei in Japan auch ohne Atomkraftwerke möglich, sagte Uesugi.

In Deutschland sei die Energiewende mit dem beschlossenen Ausstieg aus der Atomkraft  zur Hälfte geschafft, meinte Guido Carl vom Kreisverband Bergstraße des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND). Er sprach sich dafür aus, künftig nicht auf Großkraftwerke zu setzen, sondern die Energieversorgung zu dezentralisieren. Mit Photovoltaikanlagen auf dem Hausdach oder der Beteiligung an Windkraftanlagen vor Ort kann jeder dazu beitragen“, sagte der Bergsträßer BUND-Vorsitzende. Er griff zudem eine Idee aus Japan auf. Das Programm „Top Runner“ sieht vor, Strom dadurch zu sparen, dass nur die besten, weil energieeffizientesten Geräte auf dem Markt verkauft  werden.

Der Umweltpfarrer der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Dr. Hubert Meisinger, betonte die Gerechtigkeit als Kern christlicher Ethik. Dazu gehöre auch die umweltgerechte Zukunft der Energieversorgung.  Dr. Meisinger plädierte für einen Umbau der Wirtschaftsordnung: „ Eine lebensdienliche, nachhaltige Wirtschaft kann den Klimawandel bekämpfen“. Es gehöre zur Aufgabe der Kirche,  dafür Visionen zu entwickeln. Die Synode des Evangelischen Dekanats Bergstraße hatte sich unmittelbar nach der Atomkatastrophe in Japan für den „schnellst möglichen“ Ausstieg aus der Atomenergie ausgesprochen.

Am Ende der Veranstaltung, die die Referentin für gesellschaftliche Verantwortung im Evangelischen Dekanat Barbara Köderitz im voll besetzten Haus der Kirche moderierte,  zeigte der japanische Journalist ein Foto, das sich in Deutschland in das kollektive Gedächtnis der Menschen eingegraben haben dürfte. Es ist das immer wieder gezeigte Bild von dem explodierenden Reaktor in Fukushima. „In Japan kennt dieses Bild kaum jemand“, so Takashi Uesugi.

 

Foto oben: Takashi Uesugi zeigt auf ein Bild, das in Japan kaum jemand kennt
Foto unten: Rege Diskussion im Haus der Kirche - stehend von links n. rechts: Barbara Köderitz, Dr. Hubert Meisinger, Takashi Uesugi mit seiner Übersetzerin und Guido Carl
Text u. Fotos: bet